Westlich des Häftlingslagers richtete die SS im Oktober 1941 in einem ehemaligen Pferdestall eine Erschießungsanlage ein. Sie war eigens für die massenhafte Ermordung sowjetischer Kriegsgefangener konzipiert worden.
Seit Wochen sonderte die Gestapo in den Kriegsgefangenenlagern Männer aus ideologischen und rassistischen Gründen aus. Ohne Registrierung wurden sie in Buchenwald nach der Ankunft erschossen.
Im Pferdestall töteten SS-Männer die Kriegsgefangenen unter Vortäuschung einer medizinischen Untersuchung per Genickschuss. In anderen Konzentrationslagern wurde die Mordaktion im Sommer 1942 eingestellt. Buchenwald blieb bis 1944 Mordstätte. Insgesamt wurden hier rund 8.000 sowjetische Kriegsgefangene planmäßig umgebracht.
Geheime Reichssache
„Auf Grund unserer bisher auf diesem Gebiet gemachten Erfahrungen kann gesagt werden, dass es keine leichte Aufgabe ist, aus den Sowjetrussen tragbare und untragbare Elemente herauszufinden. […]
Im Grunde genommen lässt sich nur etwas erreichen, indem man den Hunger und die Habsucht dieser Menschen für seine Zwecke nutzbar macht. […]
Vorangestellt werden muss, dass die Russen durchweg außerordentlich unterernährt und restlos ausgehungert sind. […]
Es besteht somit keinerlei Veranlassung, den Russen gegenüber sentimentale oder sonstige Gefühle walten zu lassen. […]
Deshalb werden die von den Einsatzkommandos als endgültig verdächtig ermittelten Sowjetrussen ohne Verzug […] nach Eingang einer Exekutionsbestätigung erschossen.“
Gestapobeamte berichteten 1942 vor Partei- und Staatsvertretern in Weimar über die „Aussonderung“ von sowjetischen Kriegsgefangenen im Stalag IV E Altenburg. Der Vortrag galt als „Geheime Reichssache“. Gedenkstätte Buchenwald
Direkt nach der Ankunft in Buchenwald wurden die Kriegsgefangenen zum Pferdestall gebracht.
©Gedenkstätte Buchenwald
Direkt nach der Ankunft in Buchenwald wurden die Kriegsgefangenen zum Pferdestall gebracht.
©Gedenkstätte Buchenwald
Foto: Alfred Stüber, April 1945
©Gedenkstätte Buchenwald
„Der Pferdestall des Todes – ‚Das heimtückische Häuschen‘. So nannten ihn die russischen Häftlinge, die zuerst errieten, um was es sich bei dem in der Nähe der Reithalle erbauten, von außen harmlos wirkenden Gebäude des Pferdestalls tatsächlich handelt.“
Bericht des Buchenwald-Überlebenden Aleksej Litowkin, 1945
Roman Jefimenko (1916 - 1996), Kunstmaler, Buchenwald 1943 – 1945, Zeichnung
©Gedenkstätte Buchenwald
„Im Winter 1943-44 waren neben dem Stall morgens oft Blutlachen zu sehen, und der ganze Weg vom Stall zum Krematorium war von den Spuren des Blutes bedeckt, das von den Lastkraftwagen getropft war und sich mit dem Schnee vermischt hatte, in dem auch die roten Spuren der Autoreifen zu sehen waren.“
Bericht des Buchenwald-Überlebenden Aleksej Litowkin, 1945
„Ich erinnere mich an eine der vielen Erschießungen, die im Februar 1942 stattfand. Etwa 400 russische Kriegsgefangene wurden zum Pferdestall geführt. Sie mussten unter dem Vorwand der Desinfektion ihre Kleidung ablegen, die angeblich von Läusen befallen war. In Gruppen wurden sie ins Innere des Gebäudes geführt. Die Menschen ahnten, was ihnen drohte und versuchten zu fliehen. Sie wurden auf der Stelle erschossen.“
Bericht des Buchenwald-Überlebenden Albert Bunzol, 1945
„Ich sehe noch immer den blutigen Rotarmistenmantel vor mir. Es war im Februar 1942. Ein grauer Buchenwalder Morgen. Ich eilte von Block 28 zur Arbeit. Als ich am Krematorium vorbeikam, wurde ich auf einen Mantel aufmerksam, der auf dem Pflaster lag. Ich hob ihn auf. Er war voll Blut.
In diesem Jahr wurden jede Nacht sowjetische Kriegsgefangene in der Reithalle und im Pferdestall des Todes erschossen. Ich begriff. Der Mantel gehörte einem der von den Buchenwalder Henkern Erschossenen. […]
Wem hatte er gehört? Ich durchsuchte die Taschen und fand einen Fetzen Papier. Auf ihm stand eine Adresse: ‚Stadt Kopejsk, Gebiet Tscheljabinsk. (Hausnummer und Straßenname habe ich vergessen) Jakov Fedorcov.‘
... ein blutiger Mantel, ein grauer Morgen, eine Adresse auf einem Fetzen Papier. Ich erinnere mich an das alles sehr gut.“
Bericht des Buchenwald-Überlebenden Izrael Frenkiel, 1945
ʻKommando 99ʼ
Für das Morden im Pferdestall stellte die SS-Lagerführung ein spezielles Kommando zusammen, das sogenannte Kommando 99. Seinen Namen erhielt es von der Nummer des Telefonanschlusses im Pferdestall. Es bestand aus SS-Männern des Kommandanturstabes. Als langjährige SS-Angehörige hatten die meisten bereits verschiedene Konzentrationslager durchlaufen. Im KZ-Dienst machten sie Karriere. Im Lager waren viele von ihnen als gewalttätige Block- und Kommandoführer bekannt.
In wechselnder Besetzung führten die SS-Männer die Erschießungen durch. Als Mitglieder des „Kommandos 99“ erhielten sie zusätzliche Lebensmittel, Alkohol und Zigaretten. Für ihre Beteiligung am Massenmord wurden die Schützen mit dem Kriegsverdienstkreuz ausgezeichnet, einige zudem befördert.
„‘Nachdem Sie das erste Mal in dem Untersuchungszimmer waren, was geschah da?‘
‚Der russische Kriegsgefangene wurde dann hier in diesem Raum mit dem Rücken zur Wand gestellt. Diese Wand war ungefähr 2 m hoch, und links und rechts war sie mit Zahlen versehen, man konnte den Eindruck haben, dass es eine Messwand war. In der Mitte war die Wand geschlitzt, ungefähr 8-10 cm weit. Hinter der Wand stand ein Mann mit der Pistole. Der Mann, der den Gefangenen an die Wand stellte, gab mit dem Fuß ein Klopfzeichen für den dahinterstehenden Mann, dass dieser die Pistole abschießen solle.‘
‚Standen Sie das erste Mal in diesem Raum und haben geschossen?‘
‚Das erste Mal, ja. Zum Schluss habe ich 8 Schuss abgegeben.‘
‚Sie meinen damit, Sie gaben 8 Schüsse ab, auf 8 verschiedene russische Kriegsgefangene?‘
‚Jawohl.‘
‚Wohin haben Sie geschossen?‘
‚Auf den Hinterkopf.‘“
Aussage des ehemaligen SS-Mannes Horst Dittrich vor einem US-Militärgericht in Dachau, 5. November 1947
(National Archives at College Park, Maryland)
Fotos: Rosete (U.S. Army Signal Corps) ©National Archives at College Park, Maryland
Fotos: Rosete (U.S. Army Signal Corps)
©National Archives at College Park, Maryland