Lilly, Cora, Marie, Charlotte, Pia (Klasse 10d)

Johann Gutenberg Realschule, Dortmund, Juni 2016

Der Geschichtskurs war wieder in Weimar

Am Freitagmorgen ist ein Teil des Geschichtskurses der 8. bis 10. Klassen nach Weimar aufgebrochen.

Als wir in den Bus eingestiegen sind, waren wir alle noch sehr aufgeregt. In Weimar mussten wir in eine Jugendherberge im Wald, 4km vom ehemaligen Konzentrationslager entfernt, ziehen. Nach einer kurzen Pause in der Jugendherberge sind wir in die Weimarer Innenstadt gefahren, um das Goethe-Haus zu besichtigen und um uns einen kleinen Einblick von der Stadt zu verschaffen. Es war ziemlich beeindruckend. Wir haben sogar das Sterbebett von Goethe gesehen. Trotzdem waren war wir alle danach ziemlich fertig und sind nach dem Abendessen in unsere Zimmer gegangen, um uns auf den Samstag vorzubereiten.

Am nächsten Tag haben wir uns nach einem kurzen Frühstück auf den Weg zur Gedenkstätte Buchenwald begeben. Schon auf der Busfahrt haben wir Einblicke in das schreckliche Schicksal der Häftlinge bekommen. Der Fahrer erzählte uns von der ‚Blutstraße‘, welche die Häftlinge auf ihrem Weg ins Lager selbst bauen mussten. Und wie die Häftlinge oft, ohne richtiges Schuhwerk, den langen Weg vom Weimarer Bahnhof (8km) laufen mussten. Dort angekommen, standen wir auf einem riesigen Parkplatz, auf dem damals eine Rüstungsfabrik stand. Wir warteten auf Frau Treumann, die mit uns das Tagespraktikum durchführen wollte, und hatten schon dort ein mulmiges Gefühl. Frau Treumann holte uns ab und wir gingen in ein Haus, das ehemalige Büro des Lagerkommandanten, wo wir uns in einen Stuhlkreis setzten. Bilder wurden auf dem Boden verteilt. Zeichnungen und Bilder – schreckliche Bilder.

Da wir uns alle ein oder zwei Bilder aussuchen sollten, wozu wir später etwas sagen würden, mussten wir sie uns alle anschauen. Darunter waren Bilder, die man mit einem Konzentrationslager in Verbindung brachte, aber auch Bilder, die komplett untypisch waren, zum Beispiel das Bild von einem Bären. Wir beschrieben die Bilder und nannten den Grund, warum wir gerade dieses Bild ausgewählt haben. Frau Treumann gab uns noch zusätzliche Informationen zu den ausgewählten Bildern. Anschließend gingen wir in einen anderen Raum, in dem ein Modell des damaligen Lagers stand.

Frau Treumann erklärte uns, dass ungefähr zwei Drittel des Lagers nicht mehr stehen. Die Gebäude wurden entweder durch Bombenangriffe zerstört oder abgerissen. Nach einer Pause gingen wir durch das mit ‚Jedem das Seine‘ geprägten Lagertor auf den riesigen Appellplatz – wo damals tausende Menschen beim morgendlichen und abendlichen Appell gestanden haben. Wir konnten nicht mal fünf Minuten auf dem steinigen Boden still stehen, die Häftlinge mussten hier manchmal viele Stunden stehen, ohne sich zu bewegen. Was uns besonders mitnahm, war die Tatsache, dass wir rein und raus konnten, doch die Häftlinge mussten manchmal Jahre auf das Lagertor starren. Danach liefen wir zum kleinen Lager. Was unsere Begleiterin uns dort erzählte, ließ uns manchmal den Atem stocken, zum Beispiel wurden statt ins Krankenrevier die sterbenden Leute ins kleine Lager gebracht, um sie zu ‚entsorgen‘.

Nach einem kurzen Aufenthalt in einer Krankenbarracke, in der wir uns auch Fundstücke aus der Vergangenheit anschauen konnten, gingen wir über den ganzen Platz zum sogenannten Krematorium – so genannt, weil es kein Krematorium im üblichen Sinne war, sondern es war mehr eine „Müllentsorgungsanlage“. So ging man hier mit den toten Menschen um! Eine sogenannte Pathologie, in der die SS-Ärzte auch noch nach dem Tod alles aus den Häftlingen rausholten und ihnen ihre letzte Würde nahmen. Tausende sinnlose Morde auf die brutalste und schlimmste Art und Weise. Ein Bild von einem Leichenhaufen – an der Stelle, auf der wir standen. Originale Verbrennungsöfen mit Trauerbriefen, wo manchen von uns schon die Tränen kamen, die anderen hatten einfach keine anderen Worte außer: „Warum?“ Und auch danach war es nicht vorbei. Man konnte den Leichenkeller besichtigen, wo hunderte Menschen gehängt wurden und die Leichen gestapelt und über Aufzüge nach oben transportiert wurden. Die Grausamkeit schien kein Ende zu nehmen, es gab auch noch eine Erschießungsanlage. Nur manche Schüler gingen hinein, nachdem uns erzählt wurde, dass die Häftlinge im Glauben daran medizinisch untersucht zu werden, einfach von hinten erschossen wurden.

Nach diesen schrecklichen Erfahrungen sprachen wir am Nachmittag noch über Musik im Lager. Musik an einem so schrecklichen Ort? Das konnten wir nicht glauben! Wir erfuhren, dass im Lager Musik verschiedene Bedeutungen hatte. Es gab von der SS angeordnete und geduldete Musik und verbotene Musik, welche die Häftlinge heimlich machten. Wir haben diese Musik auch gehört, es war beeindruckend, dass Musik an so einem Ort gespielt wurde, vor allem teilweise so fröhliche Musik, es war verstörend. Musik diente der SS zur Disziplinierung und Erniedrigung der Gefangenen, zum Beispiel befahl die SS der Lagerkappelle beim Marsch der Häftlinge zum Arbeitseinsatz, das Buchenwaldlied zu spielen. Heimlich gespielte Musik war für die Häftlinge ein Zeichen des Widerstandes und es gab ihnen ein Gefühl von ein bisschen Freiheit und Hoffnung, ein Stück Normalität und Überlebenswillen.

Zum Abschluss des Tages gingen wir zu einer Gedenkplatte, mit den Namen vieler Nationalitäten und Religionen von Menschen, die hier inhaftiert waren. Die Platte ist immer 37 Grad warm – Körpertemperatur. Wir haben die Platte berührt und die Musik des letzten freiwilligen Appells nach der Befreiung des Lagers gehört. Für uns alle war es sehr emotional.

Danach versuchten wir, unsere Eindrücke und Gefühle in Worte zu fassen. Frau Treumann und Frau Posthoff haben uns sehr für unseren Einsatz, unsere Fragen und unser Engagement gelobt.

Es war ein anstrengender Tag!

Den Sonntag begannen wir wie immer mit dem Frühstück, Sachen packen und Bettwäsche zusammenlegen. Schon sehr früh waren wir aus der Jugendherberge und im Bus. Wir hatten eine professionelle Stadtführung geplant, doch stattdessen machten wir eine improvisierte Stadtführung von Frau Posthoff, die sich in der Stadt auch ein bisschen auskannte. Wir besichtigten das Grab von Goethe und Schiller und sahen ein paar wichtige Gebäude, zum Beispiel das Haus, in dem die Weimarer Verfassung ausgearbeitet wurde.

Es war sehr warm – auch im Bus. Trotz Stau war die Busfahrt amüsant. Sonntagabend um 18.30 Uhr waren wieder in Dortmund. Es war sehr anstrengend, aber wir würden wieder nach Weimar fahren.