Fundstücke und Dokumente zum Massensterben im "Kleinen Lager". Foto: Peter Hansen, Sammlung Gedenkstätte Buchenwald

Kapitel 4: Die letzten Monate

Herbst 1944 – die alliierten Truppen rücken von Westen und Osten auf das Deutsche Reich vor. Die Wehrmacht ist auf dem Rückzug. Obwohl der Krieg längst verloren ist, setzt das Regime ihn mit allen Mitteln fort. In der Bevölkerung mischen sich Fanatismus, Kriegsmüdigkeit, Illusionen über den „Endsieg“ und Angst vor Vergeltung durch die Alliierten. Ein breites Aufbegehren gibt es nicht.

Die SS räumt die Lager und Haftstätten in Frontnähe. Die Häftlinge werden in die Konzentrationslager im Reichsinneren transportiert. Im Osten vertuscht die SS die Spuren der Vernichtung, ermordet für den Transport zu schwache Häftlinge oder lässt sie sterbend zurück. Viele überleben die Transporte nicht oder kommen zu Tode geschwächt in den überfüllten Lagern an. Um die Zwangsarbeit aufrecht zu erhalten, richtet die SS Zonen für die Sterbenden ein, die nirgendwohin mehr abgeschoben werden können. Die Zahl der Toten steigt um ein Vielfaches.

Als sich die Alliierten den Konzentrationslagern im Reichsinneren nähern, räumt die SS auch diese. Während der Märsche ermordet sie erschöpfte Häftlinge – teils unter den Augen und mit Beteiligung der Bevölkerung. Erst die Soldaten der Alliierten stoppen die Verbrechen.

Der 24. August 1944

Am 24. August 1944 greifen amerikanische Bomber das Rüstungswerk und den SS-Bereich des KZ Buchenwald an. Zu Recht vermuten die Amerikaner hier Produktionsstätten für Steuerungsteile der A4-Rakete – eine der „Wunderwaffen“, mit denen das NS-Regime den „Endsieg“ zu erzwingen hofft.

Die Bombardierung dauert nur 30 Minuten. Aber sie ist ein sichtbares Indiz für den tiefen Einschnitt, der die Endphase des Lagers einleitet. Die SS verliert über 100 Männer, erstmals ist sie nicht mehr Herr der Lage. In Buchenwald werden nicht nur Produktionsanlagen zerstört, sondern auch das Gebäude der Gestapo. Weil sie das Werk beim Angriff nicht verlassen dürfen, sterben fast 400 Häftlinge, über 2.000 werden verletzt.

Die Räumungstransporte

Häftlinge und jüdische Zwangsarbeiter der aufgelösten Lager sollen in die KZ im Reichsinneren gebracht werden. Dafür fehlen jedoch nicht nur die Transportmittel, die verbliebenen Lager sind auch bereits überfüllt. Nach oft tagelangen Elendsmärschen oder Irrfahrten in offenen Güterwaggons erreichen die Menschen entkräftet und häufig zu Tode erschöpft das KZ Buchenwald. Infolge der überstürzten Räumung des Vernichtungslagers Auschwitz und des Konzentrationslagers Groß-Rosen wird Buchenwald drei Monate vor Kriegsende zum größten Konzentrationslager innerhalb des Deutschen Reiches.

Massensterben im Kleinen Lager

Die SS isoliert die Überlebenden der Räumungstransporte im Kleinen Lager. Es liegt unterhalb des Hauptlagers. Ende 1942 als Quarantänezone errichtet, fehlt es dort an allem. In den letzten drei Monaten vor der Befreiung kommen im Kleinen Lager über 6.000 Menschen um. Die SS nimmt das Massensterben nicht nur in Kauf, sondern tötet regelmäßig Kranke und Schwache. Inmitten des Grauens schaffen politische und jüdische Häftlinge im Block 66 einen geschützten Raum für Jugendliche und Kinder. Mehr als 900 von ihnen werden gerettet.

Todesmärsche

Im März 1945 erreichen amerikanische Truppen Mitteldeutschland. Die SS treibt die Häftlinge der Außenlager Buchenwalds zum Hauptlager zurück. Seit dem 7. April verlassen Evakuierungsmärsche auch das KZ Buchenwald. Tausende sterben unterwegs an Entkräftung, Begleitmannschaften erschießen diejenigen, die nicht mehr mithalten können.

Lange Häftlingskolonnen passieren in den letzten Kriegswochen Straßen, Dörfer und Städte. Die Bevölkerung wird Zeuge. Kaum jemand hilft. Oft beteiligen sich Volkssturmmänner und Hitlerjungen daran, geflohene Häftlinge zu jagen und zu ermorden.

April 1945 – die Tage bis zur Befreiung

Höchste Anspannung kennzeichnet die letzten zehn Tage im KZ Buchenwald. Einerseits beschleunigt die SS die Evakuierung und steigert damit die Angst der Häftlinge. Andererseits verzögern Funktionshäftlinge und das Internationale Lagerkomitee die Zusammenstellung der Marschkolonnen und tragen damit zur Rettung bei; außerdem versuchen sie, Kontakt zu den Amerikanern herzustellen. Offen ist, was am Tag der Befreiung geschehen wird. Häftlinge befürchten ein Massaker, für eine selbstständige Befreiung reichen ihre Kräfte nicht.

In der Nacht zum 11. April geht der letzte Evakuierungsmarsch ab. Um 14:30 Uhr erreichen amerikanische Panzer den SS-Bereich und schlagen die SS in die Flucht. Eine Viertelstunde später beginnen bewaffnete Mitglieder des Häftlingswiderstandes damit, verbliebene SS-Männer zu stellen und zu entwaffnen. Buchenwald ist befreit.

Das Internationale Lagerkomitee

Im Juli 1943 organisieren deutsche Kommunisten erstmals eine heimliche Beratung mit gleichgesinnten Häftlingen aus anderen Ländern. Danach finden regelmäßig Treffen statt. Dem Lagerkomitee gehören Kommunisten aus Deutschland, Belgien, Frankreich, Italien, Jugoslawien, den Niederlanden, Österreich, Polen, der Sowjetunion und der Tschechoslowakei an. Die Gründung des Lagerkomitees sichert die Vorrangstellung der deutschen Kommunisten, obwohl Deutsche im Lager nur noch eine verschwindend kleine Minderheit sind.

Das Komitee verhindert offene Konflikte zwischen den nationalen Gruppen und schützt Mitglieder von kommunistischen Parteien sowie andere Widerstandskämpfer. Es koordiniert Hilfe und bringt ausländische politische Häftlinge auf Funktionsposten. Mitglieder des Lagerkomitees beschaffen Informationen über den Kriegsverlauf und stellen eigens Gruppen auf, um ein befürchtetes Massaker der SS kurz vor der Befreiung abzuwehren. Es gelingt, dafür Verbandszeug und mehrere Dutzend Waffen zu verstecken.