links: transportabler Galgen aus dem KZ Buchenwald, rechts: Blick in das Realienkabinett "Einkleidung". Foto: Claus Bach, Sammlung Gedenkstätte Buchenwald

Kapitel 2: Krieg und Verbrechen

September 1939 – Deutschland überfällt Polen und beginnt damit den Zweiten Weltkrieg, der Europa verwüsten wird. Ziel ist die Beherrschung und „rassische“ Neuordnung des Kontinents. Das zwischen Deutschland und der Sowjetunion aufgeteilte Polen wird dafür zum Experimentierfeld: in ihrem Gebiet ermorden die Deutschen die politische und kulturelle Führungsschicht oder verschleppen sie in Lager. Sie entrechten die Bevölkerung und vertreiben sie von dort, wo Deutsche leben sollen. Polnische Juden werden in Ghettos zusammengepfercht.

Wehrmacht, SS und deutsche Besatzungsbehörden arbeiten bei der Unterwerfung und Ausbeutung der osteuropäischen Länder eng zusammen. Nach dem Sieg über Frankreich soll die Unterwerfung der Sowjetunion die gewaltsame Kolonialisierung des Ostens vollenden.

Massaker an der Zivilbevölkerung, wie schon nach dem deutschen Einmarsch in Polen, prägen den Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion. SS und Sicherheitspolizei stellen „Einsatzgruppen“ zusammen, die gezielt Millionen Juden, aber auch Roma erschießen. Die Wehrmacht lässt über drei Millionen Angehörige der Roten Armee in Kriegsgefangenenlagern verhungern. In Ostpolen richtet die SS 1942 eigens Stätten zur systematischen Vernichtung der europäischen Juden ein. Jüdische Häftlinge deportiert sie aus den Konzentrationslagern im Reich nach Auschwitz.

Seit Beginn des Krieges werden auch Menschen aus den besetzten Ländern in die Konzentrationslager verschleppt, die mehr und mehr zu Stätten des Massenmordes werden. Zudem verschärft das Regime in Deutschland den Terror gegen seine Gegner.

Antisemitische Feindbilder und Massenmord

Eine der ersten Verhaftungswellen nach dem Überfall auf Polen richtet sich in Deutschland und dem seit 1938 dazu gehörenden Österreich gegen staatenlose Juden polnischer Herkunft. In Wien setzt die Gestapo 1.000 von ihnen im Praterstadion fest. Das Klischee vom „Ostjuden“ gehört zum Kern antisemitischer Feindbilder. Rassenforscher des Naturhistorischen Museums Wien verschaffen sich Zugang zum Stadion, um das Klischee wissenschaftlich zu untermauern. Nachdem sie ihre Arbeit abgeschlossen haben, deportiert die Gestapo die Inhaftierten in das KZ Buchenwald. Weniger als 50 dieser Menschen überleben.

Die Mörder

Die Angehörigen der SS-Lagerkommandantur verdanken ihre Karrieren der Entwicklung der Konzentrationslager. In den Jahren der Machteroberung gehörten sie zu den Schlägertrupps der SS und bewährten sich als Führungskräfte oder Wachleute der frühen Konzentrationslager. Rassebiologisch begutachtet, sehen sie sich und ihre Ehefrauen als Elite des deutschen Volkes. Nach ihrem Selbstverständnis haben sie das Recht,  Gewalt gegen „Minderwertige“ auszuüben. Als Aufsteiger, die ihr Privatleben am bürgerlichen Lebensstil ausrichten, fotografieren und präsentieren sich diese SS-Männer ebenso stolz wie ihren Arbeitsplatz: das Konzentrationslager.

Die Zwangsordnung des Lagers

Die Häftlinge – elend untergebracht, bekleidet und ernährt – sind einer Zwangsordnung unterworfen, die die SS schon für die frühen Konzentrationslager entwickelt hat. Sie müssen marschieren, während des Appells stundenlang reglos stehen und einen langen, zermürbenden Arbeitstag bewältigen. Allgegenwärtig ist die Angst vor willkürlicher Gewalt und vor Strafen, die auf dem Prügelbock oder im Lagergefängnis, dem „Bunker“, vollstreckt werden. In den Baracken und Arbeitskommandos setzt die SS Häftlinge zur Organisation ein: Blockälteste für die Baracken, Kapos und Vorarbeiter für die verschiedenen Arbeitsstellen. Sie können, wie die Kapos des gefürchteten Steinbruchs, die übrigen drangsalieren, um sich der SS anzubiedern. Sie können aber auch, wie viele Pfleger im Häftlingskrankenbau, für Mithäftlinge eintreten. Die Angst, krank zu werden, bleibt trotzdem. Kranke sind für die SS nutzlose Menschen und schweben in ständiger Lebensgefahr.

Verbrechen und Kooperation

Die Macht der SS ist schrankenlos. Sie kann über die Menschen verfügen. Das eröffnet ihr die Zusammenarbeit mit Institutionen und Unternehmen außerhalb der Lager: Polnische Häftlinge werden an die Gestapo für öffentlich inszenierte Schauexekutionen abgegeben; in Kooperation mit dem Robert-Koch-Institut, der IG Farben AG und der Wehrmacht entsteht eigens eine Station für medizinische Menschenversuche. Als die Gestapo in den Kriegsgefangenenlagern der Wehrmacht sowjetische Kommissare und Juden zur Tötung aussondert, richtet die SS im KZ Buchenwald eine Erschießungsanlage ein. Eine enge Zusammenarbeit entwickelt sich auch mit den Heil- und Pflegeanstalten Sonnenstein und Bernburg. Dort werden im Rahmen der „Euthanasie“ behinderte Häftlinge und jüdische Häftlinge als „unproduktiv“ in Gaskammern erstickt.

Schillers Möbel

Schon vor 1933 ist Weimar ein Zentrum des deutschen Kulturnationalismus, der sich gegen alles „Undeutsche“ wendet. Deshalb fügen sich die Museen und Gedächtnisstätten der Klassik reibungslos in den Nationalsozialismus ein. Als der Bombenkrieg auch Weimar und die Häuser von Goethe und Schiller bedroht, haben die Verantwortlichen keine Skrupel, KZ-Häftlinge zur Sicherung ihrer Kulturgüter arbeiten zu lassen. Die Möbel aus dem Besitz Friedrich Schillers werden für Monate ins KZ Buchenwald gebracht. Häftlinge müssen sie dort für den Austausch mit den Originalen nachbauen.