Darstellung rassistischer Untersuchungen in Wien an jüdischen Männern, die anschließend in das KZ Buchenwald deportiert wurden. Foto: Claus Bach, Sammlung Gedenkstätte Buchenwald

Kapitel 1: Nationalsozialismus und Gewalt

Deutschland 1937 – Hitlers Partei, die NSDAP, ist unangefochten an der Macht. Die Mehrheit der Bevölkerung identifiziert sich mit der neuen Ordnung oder hat sich arrangiert. Viele profitieren vom wirtschaftlichen Aufschwung, der mit der Aufrüstung einhergeht.

Die Nationalsozialisten propagieren das Ziel einer „rassereinen“, harmonischen „Volksgemeinschaft“ – frei von sozialen und politischen Konflikten. In Wirklichkeit haben sie Verhältnisse geschaffen, die auf Gewalt fußen und fortwährend Gewalt erzeugen. Grundlagen einer friedlichen Ordnung sind zerstört: demokratische Gewaltenteilung, Gleichheit vor dem Gesetz, Meinungsfreiheit und alle anderen Bürgerrechte. Medien, Justiz und staatliche Verwaltungen funktionieren nur noch im Sinne der Nationalsozialisten. Mit der Regierungsübernahme 1933 hat das Regime Konzentrationslager eingerichtet. Ihr Zweck, die Verfolgung und Einschüchterung von politischen Gegnern, ist erfüllt. Trotzdem werden neue Konzentrationslager gebaut. Jetzt geht es nicht mehr allein um Terror, sondern vor allem um die rassistische Umgestaltung der Gesellschaft.

Die nationalsozialistische Einstufung der Menschen in angeblich Höher- und Minderwertige führt zu permanenter Gewalt. Schon vor dem Krieg werden mehrere Hunderttausend Menschen zum Opfer von Verfolgung und Ausgrenzung: neben den politischen Gefangenen in erster Linie Juden, aber auch als „Zigeuner“ verfolgte Sinti und Roma und andere stigmatisierte Menschen wie Homosexuelle, Vorbestrafte und „Arbeitsscheue“.

Weimar – Kulturstadt des Nationalsozialismus

Weimar ist Hauptstadt des NSDAP-Gaus Thüringen und hat als Wirkungsstätte Goethes und Schillers einen festen Platz im kulturellen Selbstverständnis der Deutschen. Das städtische Bürgertum wie auch die Beamtenschaft sind mehrheitlich nationalistisch und antidemokratisch eingestellt. Hier kann die NSDAP schon in den 1920er Jahren ungestört aufmarschieren und 1926 ihren Reichsparteitag im Deutschen Nationaltheater abhalten.

Der Ettersberg, auf dem das neue Konzentrationslager entsteht, ist ein bekanntes Symbol der Goethe-Zeit. Das KZ wird problemlos zum Bestandteil der Stadt: das Krankenhaus und das Krematorium stehen der SS für ihre Zwecke zur Verfügung. Für Firmen und Geschäfte ist sie ein Kunde wie jeder andere. Nur die anfängliche Bezeichnung „K.L. Ettersberg“ lehnt das Kulturbürgertum wegen des Goethe-Bezugs ab. Die SS-Führung reagiert schnell und ändert den Namen in „K.L. Buchenwald/Post Weimar“.

Ein Konzentrationslager wird gebaut

Im Sommer 1937 schließt die SS die mitteldeutschen Konzentrationslager Lichtenburg (Preußen), Sachsenburg (Sachsen) und Bad Sulza (Thüringen) und verlegt 2.000 Häftlinge von dort auf den Ettersberg. Es sind langjährige politische Gefangene, Zeugen Jehovas und ehemalige Strafgefangene, die ihre Gefängnishaft bereits abgesessen haben. Im Sommer 1938 verdreifacht sich die Zahl der Häftlinge durch Aktionen der Polizei gegen „Asoziale“. Unter diesem Deckmantel werden auch viele Juden und Sinti und Roma verhaftet. Sie müssen das Lager aufbauen. Flucht oder offenen Widerstand bestraft die SS mit dem Tod.

Novemberpogrom

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 zerstören Mitglieder der NSDAP, der SA und SS fast alle Synagogen in Deutschland, plündern und ermorden Juden. Obwohl das erst halbfertige Konzentrationslager Buchenwald bereits überfüllt ist, weist die Gestapo annähernd 10.000 jüdische Männer in das Lager ein. Die Gesamtzahl der Häftlinge steigt auf 19.676 an.

Wie der Pogrom, soll auch die Einlieferung die Angst steigern und die Juden zur Auswanderung zwingen. Nur wenn sie der Enteignung ihres Besitzes zustimmen und nachweisen, Deutschland umgehend zu verlassen, entkommen sie dem Lager. Aufgrund der katastrophalen hygienischen Verhältnisse und des Wassermangels bricht Typhus aus. Erst als die Epidemie auch die umliegenden Dörfer erreicht, leitet die SS Gegenmaßnahmen ein.