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Deportiert in das KZ Buchenwald

In den „Témoignages strasbourgeois” schätzt der Chemieprofessor Albert Kirrmann die Zahl der Angehörigen der Universitätsangehörigen, die in das KZ Buchenwald und seine Außenlagern deportiert wurden, auf etwa 80. Tatsächlich ließen sich mindestens 82 Personen identifizieren, die sich selber als Angehörige der Universität bezeichneten, als solche verfolgt wurden oder während der Haft von der Universität unterstützt wurden.

Bis auf Elisabeth Will, eine Deutschlehrerin, Alumna der Universität und eine der Autor:innen der Témoignages, handelte es sich ausschließlich um Männer. Etwa drei Viertel von ihnen waren Studierende und zum Zeitpunkt ihrer Verhaftung noch entsprechend jung. Die meisten waren während oder nach dem Ersten Weltkrieg zur Welt gekommen. Der Jurastudent François Amoudruz, Jahrgang 1926, war der Jüngste unter ihnen. Das übrige Viertel setzte sich aus wissenschaftlichen oder administrativen Kräften und Alumni der Universität zusammen. Diese Männer waren älter und zumeist zwischen 1890 und 1910 geboren. Der älteste war der 1888 geborene Theologieprofessor Charles Hauter.

Professoren, Assistenten und Studenten der Naturwissenschaften und der Medizin bzw. der Pharmazie bildeten mit jeweils 20 Personen die beiden größten Gruppen, gefolgt von 19 Vertretern der Rechtswissenschaften. Demgegenüber war die Zahl der Geisteswissenschaftler und Theologen relativ klein.

Herkunft

Mit knapp drei Vierteln bildeten Männer aus dem Elsass und Lothringen den Kern der Gruppe. Viele von ihnen hatten bereits vor dem Krieg der Université de Strasbourg angehört und waren im Zuge der Verlagerung zu Kriegsbeginn nach Clermont-Ferrand gezogen. Andere entschlossen sich erst nach der militärischen Niederlage Frankreichs im Juni 1940 und der Annexion des Elsass durch das Deutsche Reich dazu, ihre Heimat zu verlassen. Zu ihnen zählte beispielsweise der 1922 in Colmar geborene André Gérard. Aus Angst, zwangsweise in die Wehrmacht eingezogen zu werden, floh er über die Schweiz nach Clermont, wo er sich an der Rechtsfakultät einschrieb. Später schrieb er hierzu:

„Seit 1940 hatte ich versucht, den Deutschen zu entkommen. Für einen Elsässer war das eine natürliche Reaktion. Von Kindesbeinen an war ich mit ‚Vive la France et mort aux Boches‘ [Anm.: ‚Es lebe Frankreich und Tod den Deutschen‘] aufgewachsen. […] Ich hatte nicht vor, für den Feind zu kämpfen oder im besetzten Gebiet zu bleiben. An einem Sonntagnachmittag stieg ich auf mein Fahrrad, radelte nach Süden zur Schweizer Grenze und kroch unter dem Zaun hindurch in die Schweiz.“

Aus: Ina R. Friedman, The Other Victims. First-Person Stories of Non-Jews Persecuted by the Nazis, Boston 1990, S. 184-185. (Übersetzung aus dem Englischen)

Unter denjenigen, die nicht aus den annektierten Gebieten stammten, befanden sich Nicht-Franzosen und Franzosen im gleichen Maße. Der Student Georges Mehr etwa stammte aus Österreich und der Lektor für Russisch Dimitri Strémooukhoff aus dem litauischen Vilnius, während die Professoren Jacques Yvon und Claude Thomas beispielsweise aus Angoulême im Westen Frankreichs kamen. Während die drei Letztgenannten 1939 der Université bei der Verlagerung gefolgt waren, kam Mehr erst später als jüdischer Flüchtling unter einem falschen Namen nach Clermont-Ferrand.

Verhaftungen

Mit Razzien versuchten die deutschen Besatzer ab 1943, den Widerstand an der Universität zu brechen. Die erste Massenverhaftung richtete sich gezielt gegen Studierende aus dem Elsass und Lothringen. Nach der Erschießung zweier Gestapo-Männer durch einen jungen Widerstandskämpfer fand in der Nacht vom 24. auf den 25. Juni 1943 eine Razzia im Studentenwohnheim „Gallia“ statt. Viele Studierende aus dem Elsass und Lothringen waren dort untergekommen. 37 Studenten wurden festgenommen, zwei weitere am Morgen darauf. 27 von ihnen deportierte die Gestapo zwischen September 1943 und Januar 1944 in das KZ Buchenwald.

Der Medizinstudent Laurent Feldmann in Häftlingskleidung nach seiner Rückkehr nach Frankreich, 1945. Er war im Juni 1943 im Studentenwohnheim „Gallia“ verhaftet worden.
Der Medizinstudent Laurent Feldmann in Häftlingskleidung nach seiner Rückkehr nach Frankreich, 1945. Er war im Juni 1943 im Studentenwohnheim „Gallia“ verhaftet worden. ©Familie Feldmann

Im November 1943 folgte die zweite Verhaftungswelle. Es war die größte Aktion der deutschen Besatzer gegen eine französische Universität während des Zweiten Weltkriegs. Nach einer Denunziation führten deutsche Sicherheitsdienste mit französischer Unterstützung am 25. November 1943 eine Razzia durch. Im Hof des Universitätshauptgebäudes an der Avenue Carnot wurden mehr als 1.200 Studierende und Angehörige der Université zusammengetrieben. Der damalige Professor Ernest Hoepffner erinnerte sich später:

„Sie kommen von allen Seiten: Professoren, Angestellte, Studenten und Studentinnen, mit erhobenen Händen und flankiert von Soldaten und Polizisten. Unter militärischer Eskorte stürmen sie die schmale Treppe hinunter, die in den Innenhof führt. […] Nach einer Stunde Wartezeit findet eine erste Auslosung statt. Man wird die ‚Guten‘ von den ‚Bösen‘ trennen. Einer nach dem anderen steigen wir die Treppe hinauf, die zur großen Halle führt, und legen unsere Ausweise zur Überprüfung vor.“ 

Aus: Ernest Hoepffner, La rafle du 25 novembre 1943, in: Presses universitaires de Strasbourg (Hg.): De lʼuniversité aux Camps de Concentration. Témoignages strasbourgeois, 4. Auflage, Straßburg 1996, S. 10. (Übersetzung aus dem Französischen).

Etwa die Hälfte der überprüften Personen – überwiegend Männer und Frauen aus dem Elsass und Lothringen, Jüdinnen und Juden sowie ausländische Universitätsangehörige – wurde in eine ehemalige Kaserne für weitere Überprüfungen gebracht. Der Großteil der Verhafteten (darunter Ernest Hoepffner) wurde wieder entlassen. Für insgesamt 130 Personen stand am Ende jedoch die Deportation in ein Konzentrationslager. Nachweislich 35 von ihnen kamen mit Gefangenentransporten ab Januar 1944 in das KZ Buchenwald.

Knapp ein Viertel der nach Buchenwald deportierten Universitätsangehörigen wurden 1943/44 außerhalb der beiden, speziell gegen die Universität gerichteten Razzien festgenommen. Bei Vergeltungsmaßnahmen nach einem Attentat auf deutsche Soldaten in Clermont nahm die Gestapo im März 1944 mehrere Universitätsangehörige fest, darunter der Rechtswissenschaftler Claude Thomas. Bei Angehörigen von Widerstandsgruppen, wie dem Anführer der Universitätsgruppe von „Combat“, Jean-Paul Cauchi, sind zudem individuelle Verhaftungen belegt.

Für den Großteil der nach Buchenwald Verschleppten war das Lager auf dem Ettersberg nur eine Durchgangsstation. Die SS schickte sie nach einiger Zeit zur Zwangsarbeit in die Außenlager, etwa nach Dora, oder in andere Konzentrationslager, wie Flossenbürg oder Mauthausen. Für Marc Klein, Robert Waitz und Robert Weil hingegen war Buchenwald die letzte Station auf ihrem Weg durch die Konzentrationslager: Weil sie aus jüdischen Familien stammten, waren sie aus Frankreich nach Auschwitz deportiert worden. Erst Anfang 1945 kamen sie mit Räumungstransporten in das KZ Buchenwald, wo sie die Befreiung erlebten.


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