Transkription
Sprecher:in Es brennt in Leipzig. Am zentralen Augustusplatz steht am 10. November 1938 morgens ein jüdisches Geschäftshaus in Flammen und mit ihm das Büro eines Steuer- und Wirtschaftsberaters. Es ist eines von mehr als 200 „Objekten“, die in der „Pogromnacht“ in Leipzig zerstört werden. Das Büro gehört Werner Hilpert. Er sieht das Feuer, steht zusammen mit dem Besitzer Bamberger, seinem Freund, vor dem Gebäude. Jahre später wird er dazu kurz sagen:
Werner Hilpert „Die Lebensarbeit war hin.“
Sprecher:in Seit Jahren engagiert sich Hilpert auch als Anwalt jüdischer Bürger. Einige Male gelingt es ihm, Klienten aus dem KZ Buchenwald frei zu bekommen. Er ist angesehen in der Stadt. Der Leipziger Oberbürgermeister Carl Goerdeler unterstützt seine Arbeit; er befürwortet Ende 1936 auch Hilperts Kampf für den Erhalt katholischer Schulen in Sachsen. Danach erhält Hilpert Berufsverbot. Weiterarbeiten kann er nur, weil der Gerichtsprozess zum Widerspruch lange andauert.
Werner Hilpert entstammt einem katholischen Elternhaus und übt offen sein religiöses Engagement aus. Im Sommer 1933 verliert er auf Betreiben der NSDAP seine berufliche Existenz – wie den Landesvorsitz der Zentrumspartei. In dieser Position hatte er vor der NSDAP gewarnt. Er macht sich selbstständig und Ende August 1939, nach dem Brand, sein Testament.
Bereits Anfang September wird er in seiner Wohnung verhaftet und eine Woche später ohne Prozess nach Buchenwald verschleppt. Nahezu sechs Jahre wird er hier gefangen gehalten.
Am ersten Weihnachtsfest im KZ trifft er einen Nachbarsjungen aus Leipzig wieder. Es ist keine freudige Begegnung. Als SS-Mann schlägt er Hilpert die Zähne aus. Zu dieser Zeit arbeitet Hilpert bereits unter schwersten Bedingungen in der Gärtnerei. Er ist Wind und Wetter und dem ständigen Antreiben durch die SS ausgesetzt. Später gelingt es ihm, in ein leichteres Kommando, die Schneiderei, versetzt zu werden. Hier lernt er Eugen Kogon kennen, mit dem er sich anfreundet. Dieser erinnert sich daran, dass Hilpert:
Eugen Kogon „unermüdlich alles [tat] [...], um uns vor dem Untergang zu bewahren. [...] 1941/42 wurden besonders viele Franzosen eingeliefert. Es ging ihnen wahrhaft miserabel, sie starben zu Dutzenden täglich. Hilpert fing an, sie [...] ganz systematisch mit Kleidung aus der Schneiderei zu versorgen, und wenn es nur ein Stück Wolldecke zum Einnähen unter den Jackenrücken war. Die `kleinen Hilfen´ waren es ja oft genug, die einem unter den obwaltenden Umständen das Leben retten konnten.“
Sprecher:in Ab Februar 1944 gehört Hilpert unter dem Vorsitz des Sozialdemokraten Hermann Brill dem illegalen Volksfrontkomitee an, das Häftlinge im Lager gebildet haben. Sie diskutieren die demokratische Neugestaltung Deutschlands. Nach der Befreiung ist Hilpert einer von fünf Deutschen des Internationalen Lagerkomitees, das unter anderem für die Sicherung der Ernährungslage sorgt.
Nachdem er kurzzeitig Treuhänder des nationalsozialistischen Vermögens für Weimar ist, folgen mehrere berufliche Stationen, bevor er zuletzt Direktor der Deutschen Bundesbahn wird: So ist er Geschäftsführer der Industrie- und Handelskammer in Frankfurt, stellvertretender Ministerpräsident Hessens, Wirtschafts- und Finanzminister des Landes sowie Mitbegründer und Landesvorsitzender der hessischen CDU.