Transkription
Sprecher:in Als die Gestapo vor ihrer Wohnungstür in Prag steht, ist Alena Divišová 19 Jahre alt. Man bringt sie ins gefürchtete Pankrác-Gefängnis. „Reichsfeindliche Betätigung“ lautet der Vorwurf. Was ist geschehen?
Alena stammt aus einer Arbeiterfamilie. Als die Wehrmacht im März 1939 die Tschechoslowakei besetzt, hat sie gerade die Schule beendet. Der Vater ist Werkmeister in einer Kolbenfabrik, die Mutter Hausfrau. Weil ihr Vater ihr rät, ein Handwerk zu erlernen, beginnt sie eine Lehre als Schneiderin. Während der Ausbildung freundet sie sich mit einer jüdischen Kollegin an, die ihre Auswanderung nach Palästina vorbereitet. Durch sie bekommt die 16-Jährige Alena Kontakt zu einer kommunistischen Widerstandsgruppe. Aus dieser Freundschaft wächst die Empörung über die Verfolgung der jüdischen Bevölkerung.
Alena hilft: kauft Lebensmittel, die ihre Freunde nicht kaufen dürfen, besucht mit einem jüdischen Kind ein Kindertheater, das Juden nicht besuchen dürfen.
Doch die Lebensbedingungen ihrer jüdischen Freunde verschlechtern sich von Monat zu Monat. Im Oktober 1941 beginnt die Deportation der Prager Juden, zunächst ins Ghetto Lodz, dann, ab November, ins neu errichtete Ghetto Theresienstadt. Hier herrschen Krankheiten und Hunger. Jindřich Lekner, ein jüdischer Freund von Alena, ist unter den Deportierten. Unter Lebensgefahr schmuggelt sie Lebensmittel für ihn ins Theresienstädter Ghetto.
Manchen jüdischen Mitgliedern von Alenas Widerstandsgruppe gelingt es jedoch unterzutauchen; ihnen hilft sie, in der Illegalität zu leben: Mit ihrem Verlobten Jani Lebovič besorgt sie gefälschte Personaldokumente, Abstammungsnachweise bei Pfarrämtern und stielt Personalausweise aus den Umkleideräumen der Kolbenfabrik, in der ihr Vater arbeitet. Sie helfen auch politisch Verfolgten.
Als die Gestapo einen der Gesuchten aufspürt, findet sie in seinem Versteck auch ein Buch mit Alenas Namen. Sie wird verhaftet, verrät ihre Freunde aber nicht. Dennoch werden die anderen Mitglieder der Gruppe sechs Monate später enttarnt. Ihren Verlobten Jani ermordet die SS kurz darauf in Auschwitz.
Aus dem Prager Pankrác-Gefängnis kommt Alena Divišová über die so genannte „Kleine Festung Theresienstadt“ im Sommer 1944 zunächst ins Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück. Von dort verlegt die SS sie nacheinander in die Buchenwalder Außenlager Schlieben und Altenburg, wo sie für Rüstungsbetriebe arbeiten muss.
Im April 1945 treibt die SS die Häftlinge auf einen Fußmarsch. Alena flieht unterwegs. Mit Hilfe tschechischer Zwangsarbeiter versteckt sie sich bis zum Kriegsende.
Sie kehrt nach Prag zurück und gründet eine Familie. An der Karls-Universität studiert sie und arbeitet später als Historikerin am Institut für Militärgeschichte. Ihr Fachgebiet wird die deutsche Besatzung Tschechiens und der kommunistische Widerstand. Die israelische Gedenkstätte Yad Vashem ehrt Alena Hájková 1991 für ihren selbstlosen Einsatz als „Gerechte unter den Völkern“.