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Lagertor

Die nationalsozialistische Zerschlagung der Rechtsgleichheit und Menschenwürde manifestiert sich prägnant in der Inschrift des Tores des KZ Buchenwald: „Jedem das Seine“. In römischer Rechtstradition ursprünglich auf Gerechtigkeit abzielend, behauptete der Grundsatz – nun in sein Gegenteil verkehrt – die angeblich aus politischen, sozialen oder biologisch-rassistischen Gründen gebotene brutale Aussonderung von sogenannten Gemeinschaftsfremden. Dieses Weltbild führte die SS verhöhnend den Häftlingen jeden Tag aufs Neue vor Augen. Denn der Satz ist nicht nur nach innen, zum Appellplatz gerichtet, in das Lagertor eingelassen. Der Satz war, wie neueste Restaurierungsbefunde belegen, gut lesbar in Rot gehalten.

Die SS ließ den roten Anstrich lagerseitig bis zur Befreiung jährlich auffrischen, während die nach außen gerichtete Seite nur einmal gestrichen wurde. Die Gestaltung der Buchstaben durch den dafür vom Lagerkommandanten Karl Koch beauftragten Häftling und Bauhausschüler Franz Ehrlich vermittelt aber auch Widerstandswillen, denn sie enthält einen Hintersinn. Indem Franz Ehrlich die Buchstaben nach typographischen Vorlagen seiner Bauhaus-Lehrer Herbert Bayer und Joost Schmidt formte, schmuggelte er die von den Nationalsozialsten als „entartete Kunst“ verfehmte Bauhaus-Moderne in das entwürdigend gemeinte Motto ein. So verteidigte er auf seine Weise dessen ursprünglichen Sinn:

„Iuris praecepta sunt haec:
honeste vivere, alterum non laedere, suum
cuique tribuere“

„Die Gebote des Rechts sind folgende:
Ehrenhaft leben, niemanden verletzen,
jedem das Seine gewähren.“

Der in der Torinschrift zum Ausdruck kommende Bruch mit politischen und moralischen Grundwerten, wie er in Deutschland von 1933 bis 1945 zur Norm wurde, ist der elementare Ausgangspunkt für die Ausstellung. Die reibungslose Nachbarschaft von Weimar und Buchenwald bildet dafür ein exemplarisches Untersuchungsfeld.