Werwolf. Wer da an ein Kartenspiel oder ein mystisches Fabelwesen denkt, liegt falsch. In unserem Fall ist die gleichnamige nationalsozialistische Organisation gemeint. Sie wurde am Ende des Zweiten Weltkrieges gegründet. Ihre Mitglieder sollten in kleinen Gruppen Brücken und Straßen zerstören, die Alliierten hinterrücks angreifen und NS-Gegner:innen ermorden. Nach Kriegsende wurden Viele, vor allem Jugendliche, unter dem Vorwurf "Werwolf" verhaftet. Sie kamen auch in die sowjetischen Speziallager. Über die Existenz und das Ausmaß der Partisanenorganisation wird seit Jahrzehnten gestritten. Eine Tagung der Gedenkstätten Sachsenhausen und Lieberose/Jamlitz brachte am 5. und 6. Mai 2026 etwas Licht in das Dunkel dieser geheimnisvollen Organisation. Auch unser Projektteam war vor Ort in Oranienburg und präsentierte neueste Forschungsergebnisse.
Die NS-Führung plante die Partisaneneinheiten kurz vor Ende des Krieges. Besonders Jugendliche sollten hinter den "feindlichen Linien" kämpfen. Für die Alliierten war häufig unklar, ob es sich bei verhafteten Personen um wirkliche oder vermeintliche Mitglieder des "Werwolfs" handelte. Über das daraus resultierende Sicherheitsbedürfnis der alliierten Truppen sprach Anne-Christine Hamel. Sie stützte sich dafür vor allem auf Berichte der vorrückenden US-Armee in Thüringen. Aber auch der sowjetische Geheimdienst NKWD verhaftete anhand der Listen von Teilnehmern der flächendeckend eingerichteten Wehrertüchtigungslager oder der lokalen HJ-Organisationsstruktur zahlreiche Jugendliche. Bei den Vernehmungen gingen die im Stalinismus ausgebildeten Geheimdienstmitarbeiter häufig sehr brutal vor. Die Jugendlichen waren daraufhin nicht nur über Jahre in sowjetischen Speziallagern interniert, sondern mussten sich in manchen Fällen auch noch einmal vor der Justiz der DDR in Waldheim verantworten.
Julia Landau gab Einblicke in die sowjetische Wahrnehmung des Werwolfs. Die sowjetische Seite war durch die Vernehmungen hochrangiger deutscher Offiziere und Militärangehöriger vorbereitet. Gezielt wurde nach Widerstandsaktivitäten gegen die Besatzungsmacht gefragt, die Befürchtungen schienen sich zu bestätigen: Die Vernehmungen ergaben relevante Erkenntnisse über im Hinterland der roten Armee tätige Gruppen. Unter dem Vorwurf, einer „Werwolf-Organisation anzugehören, wurden schließlich Hunderte Jugendliche auch im Speziallager Nr. 2 festgehalten. Viele von ihnen wurden nicht 1948 entlassen – aus Sicht der Lagerleitung schien weiterhin Gefahr von ihnen auszugehen. Etwa 10 Prozent der 1950 aus dem Speziallager Nr. 2 Entlassenen waren ursprünglich aufgrund eines Werwolf-Vorwurfs festgehalten worden, etwa zwei Drittel von ihnen waren zwischen 1920 und 1931 geboren, nicht wenige allerdings auch zwischen 1900 und 1910. Vor ihrer Entlassung vermerkte die interne sowjetische Überprüfungskommission in der überwiegenden Mehrheit der Fälle: „keine praktische Tätigkeit“, „kriminelle Tätigkeit wurde nicht bewiesen“. Der Werwolf-Mythos und seine Verarbeitung wirkt noch bis ins heutige Russland fort, wie Julia Landau anhand von populärerer Militaria-Literatur darstellte: Von der Ukraine bis an die Antarktis wird hier weiter erfolgreich gegen „Werwölfe“ und „schwarze SS-Milizen“ gekämpft.
Seine größte Verbreitung fand der historische Werwolf im tschechoslowakischen und polnischen Grenzgebiet zu Deutschland. Franz Waurig gab einen kurzen historischen Überblick und sprach dann über den Werwolf als Thema in der Literatur der DDR und Tschechoslowakei. Es ging um Groschenromanhefte, Abenteuerromane und propagandistische Sachbücher. Der „Werwolf“ blieb ein Randthema in der Literatur, trotzdem lohnt ein Blick in die wenigen Bücher und Hefte. Sie zeigen die Deutungen der Partisanenorganisation in beiden Ländern.
Nicht alle Fragen konnten im Workshop beantwortet werden. Und wie das bei einer Geheimorganisation ist, werden viele Dinge auch weiterhin im Dunkeln bleiben: die Zahl der „Werwölfe“ und ihrer realen Anschläge, die Hintergründe der Verhaftungen mit teils verheerenden Folgen für die Beschuldigten. Worin sich die Teilnehmer:innen des Workshops einig sind: Ein weiteres Treffen ist wünschenswert, um so manche, in der knappen Diskussionszeit zu kurz gekommene Frage aufzugreifen. Ein Sammelband soll die zahlreichen Referate zum Thema bündeln und so einen Überblick zur aktuellen Forschungslage geben. Hoffentlich erscheint er bald.