Flucht in die USA
Fritz Schürmann wurde am 8. Januar 1915 in Hildesheim geboren. Sein Vater Willy führte dort eine mit Preisen dekorierte Maßschneiderei. Nach seiner Ausbildung zum Schneider sollte Fritz in die Fußstapfen seine Vaters treten und die Schneiderei übernehmen. Doch es kam anders. Im Mai 1938 zwang die Gestapo Willy Schürmann, die Kundenkartei herauszugeben und seine Geschäftsräume zu verlassen. Bis zum November 1938 führte Familie Schürmann ihr Unternehmen mit einigen loyalen Beschäftigten noch von zuhause aus weiter. Dann wurde die endgültige Liquidierung des Geschäfts erzwungen.
In der Nacht zum 10. November 1938 drangen zwei SS-Männer und ein Gestapobeamter in die Wohnung der Familie ein. Fritz und Willy Schürmann wurden verhaftet. Am nächsten Tag trieben Polizei und SS die jüdischen Männer durch Hildesheim, vorbei an der zerstörten Synagoge, bis zum Bahnhof. Über Hannover wurden sie nach Buchenwald gebracht. Willy Schürmann wurde am 26. November 1938 entlassen. Die Gestapo hielt ihn jedoch weiter im Gefängnis fest, um den Verkauf seines Hauses zu erzwingen. Fritz Schürmann konnte das KZ Buchenwald erst am 14. Dezember 1938 verlassen, nachdem er eine Bürgschaft aus den USA erhalten hatte.
Im Juni 1939 reiste Fritz Schürmann nach England aus. Während er auf sein Visum für die USA wartete, lebte er im Kitchener Camp in Kent, einem Durchgangslager für jüdische Flüchtlinge. Am 1. Mai 1940 konnte er in die USA ausreisen. Seine Familie folgte ihm 1941. Fritz Schürmann ließ sich in Chicago nieder. Er arbeitete als Schneider bis er sich 1943 zur Army meldete. Er diente dem Intelligence Corps als Übersetzer und verhörte deutsche Kriegsgefangene in den USA. Im September 1945 heiratete er Margery Moses, die ebenfalls beim Militär arbeitete. Sie bekamen zwei Kinder: Daniel und Beverly. Nach dem Krieg arbeitete Fritz Schürmann als Designer. Er starb 1999 im Alter von 84 Jahren in Chicago.
(Beverly Shurman Lavitt)
(Beverly Shurman Lavitt)
(Beverly Shurman Lavitt)
(Beverly Shurman Lavitt)
(Beverly Shurman Lavitt)
Als Reaktion auf eine Gedenkfeier, die ein Rabbiner anlässlich des ersten Jahrestags der Novemberpogrome im Kitchener Camp in England abgehalten hatte, verfasste Fritz Schürmann seinen Bericht über die Ereignisse im November 1938:
„Zwei Stunden später werden die jüdischen Männer unserer Stadt auf dem Hof des Gefängnisses aufgestellt: unter ihnen zwei Männer über achtzig Jahre, unter ihnen Männer mit schweren Leiden. In zwei Gliedern ausgerichtet stehen wir, vor uns die gleiche Anzahl Polizisten.
Ein Kommando: ‚Pistolen raus!‘
Polizisten, mit der Front zu uns, ziehen ihre Waffen. Das nächste Kommando: ‚Entsichert!‘
Die Pistolen werden entsichert, knacken und sind schussbereit. – Das sei nur eine Warnung für uns gewesen, erklärt uns ein höherer SS-Führer. Wenn einer von uns ‚aus der Reihe tanzen‘ würde während des Marsches durch die Stadt, würde ohne nochmalige Warnung geschossen. - -
Gegen Mittag setzte sich der Zug in Bewegung. Wir wurden durch die Hauptstraßen unserer Stadt geführt, flankiert von Polizei und SS.
Die Bevölkerung reagiert nicht so, wie die Machthaber es sich gewünscht haben. Mit einem geheimen Grauen sah sie diesen Trauerzug […]. Entrüstete Gesichter begegneten uns und die Mutigen unter den Mitbürgern gaben ihrer Missbilligung so deutlichen Ausdruck […], dass am Abend dieses Tages siebzig christliche Männer und Frauen unserer Stadt in ‚Schutzhaft‘ saßen. […]
Wir wurden durch das ‚große Tor‘ [in Buchenwald] geprügelt. Jenseits des großen Tores standen SS-Männer in einem Spalier. Schwere Eichenknüttel gingen auf uns nieder. […] Vor uns lagen zwei Schwerverletzte, die sich vor den Schlägen der Rohlinge nicht retten konnten: der kriegsbeschädigte Rechtsanwalt und ein Achtzigjähriger mit gebrochenen Beinen. – Nie werde ich das Bild los, wie der alte Mann uns flehentlich bat, ihm beim Aufstehen behilflich zu sein, da er sich sonst auf der kalten Erde erkälten würde. Blut lief über sein Gesicht, uns blutete das Herz: wir durften ihm nicht helfen. […]
In diesen Wochen zerbrach in uns der letzte Glaube an menschlichen Adel. – Wir sahen tagtäglich das Tier im Menschen wüten. –Drei große Holzbaracken nahmen in der ersten Nacht die bisher angekommen Juden auf. – In fünf ‚Etagen‘ geschichtet, lagen wir auf ungehobelten Brettern dicht nebeneinander gezwängt. Ohne Stroh, ohne Decken in kalter Novembernacht!“
(Leo Baeck Institute)