Transkription
Sprecher:in 1 Im September 1940 wird er zur Gestapo-Baracke bestellt, zieht dort eine Anzugjacke und ein Hemd an, bindet einen Schlips um und nimmt vor der Kamera des Erkennungsdienstes Platz. Ein Foto für den Wehrausschließungsschein – dann schlüpft er wieder in seine Häftlingskleidung, verschwindet in der Tischlerei, wo er als Schreiber arbeitet – und ist wieder einmal nicht aufgefallen.
Sprecher:in 2 Der kaufmännische Angestellte Walter Bartel ist ein stiller aber beharrlicher Charakter. Das wird ihm früh auf den Weg gegeben. Die sozialistische Arbeiterfamilie, in die er hineinwächst, leidet oft Not. Er und die fünf Geschwister arbeiten früh mit. Er trägt in Berlin Zeitungen aus, verlässt die Schule trotzdem als Jahrgangsbester und wird Lehrling in der Berliner Pharmafabrik Noffke & Co. Eltern und Geschwister bringen ihn zur linken Jugend. Dort lernt er die Kinder des KPD-Funktionärs Wilhelm Pieck kennen, der ihn fördert. Mit 18 Jahren beginnt seine Funktionärslaufbahn beim Kommunistischen Jugendverband, mit 24 ist er Angestellter der Kommunistischen Partei. Diese schickt ihn 1929 zur Internationalen Leninschule nach Moskau, wo er drei Jahre studiert. Der mögliche Beginn einer Karriere in der auf Stalin eingeschworenen Partei. Zurück von dort ist er als Agitator unterwegs, nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten mit gefälschten Papieren als Kurier. Seine Frau und die zwei Söhne sieht er nur selten. Im Juni 1933 verhaftet ihn die Gestapo mit Kuriermaterial. Er wird verurteilt und sitzt bis Herbst 1935 im berüchtigten Zuchthaus Brandenburg. Während dieser Zeit stirbt sein jüngerer Sohn im Moskauer Exil, sein älterer wird später in London tragisch verunglücken.
Sprecher:in 1 Die Partei ist seine Familie. Sie holt ihn nach der Haft ins tschechische Exil – und schließt ihn aus. Jeder misstraut jedem. Er habe bei seiner Entlassung eine Erklärung der Gestapo unterschrieben; ein Vorwurf ohne Beweise. Sie entziehen ihm die Unterstützung. Er ist auf sich gestellt. Und als die Wehrmacht in Prag einmarschiert, wird er wieder verhaftet. Monate bei der Gestapo, dann, im Herbst 1939, Konzentrationslager Buchenwald.
Sprecher:in 2 Buchenwald ist eine Wende für ihn, es wird sein weiteres Leben bestimmen. Die Kommunisten im Lager vertrauen ihm. Er kennt einige von früher, war mit dem Kopf der illegalen Leitung, Albert Kuntz, zusammen in Moskau. Mit tschechischen und russischen Kommunisten kann er in ihrer Sprache sprechen und gewinnt dort Vertrauen. Das ist der Anfang. Beharrlich baut er die Gesprächskontakte auch mit Kommunisten anderer Nationen aus. Immer der unscheinbare Schreiber der Tischlerei. Es folgen regelmäßige geheime Treffen. Diese wird er später als die Gründung des illegalen internationalen Lagerkomitees bezeichnen. Und er bleibt dessen Netzwerker bis zur Befreiung des Lagers. Ist, als das Komitee hervortritt, der einzige, den alle kennen, der Vorsitzende, der Autor des Schwures von Buchenwald.
Sprecher:in 1 Sein drittes Leben beginnt nach der Rückkehr. Er wird Mitbegründer der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes, persönlicher Sekretär von Wilhelm Pieck, Professor für Zeitgeschichte. Wie andere Buchenwalder Kommunisten gerät Walter Bartel in den Nachkriegsjahren in der SED unter Druck. Doch er bleibt ein Propagandist seiner Partei, bringt die Geschichte Buchenwalds auf ihre Linie. Und er ist einer der Köpfe des Internationalen Buchenwaldkomitees.