Transkription
Sprecher:in Frankfurt am Main, Juni 1938. Seit fast einem Jahr schon lebt Theodor Dreschner in der Stadt. Am öffentlichen Leben kann er jedoch nicht teilnehmen. Bereits bei der Ankunft hat man ihn mit seiner Familie in ein Zwangslager für Sinti und Roma eingewiesen.
Dreschner „Ich suchte mir in Frankfurt eine Wohnung und fand auch eine; doch wurde mir der Einzug in diese Wohnung verweigert, weil alle Zigeuner aus der Stadt […] entfernt und in die Dieselstraße 40 ziehen mussten.“
Sprecher:in Auf dem abgelegenen Areal drängt man die Angehörigen der Minderheit unter elenden Bedingungen zusammen. Sie werden einer rigiden Lagerordnung unterworfen, ihre Bewegungsfreiheit ist eingeschränkt – ein Leben in Isolation.
Zu Hause ist Theodor Dreschner eigentlich in Baden-Württemberg. Dort wächst er auf, lernt seine Frau kennen, gründet eine Familie. Als einfacher Arbeiter schlägt er sich und die Seinen durch. Es ist ein bescheidenes, unauffälliges Leben. Der Umzug nach Frankfurt soll die Situation der Familie verbessern. Doch es kommt anders.
Dreschner „Am 14. Juni 1938 kamen 17 oder 18 Kriminalbeamte mit einem Polizeiauto vorgefahren und forderten alle Männer auf, sich am Tor zu melden. […] Dies war in der Frühe um halb Sieben. Mir erklärten sie dann, ich müsste jetzt einige Monate für das Deutsche Reich arbeiten. Wir wurden dann in das Polizeipräsidium gebracht und am nächsten Tag […] nach Buchenwald verbracht.“
Sprecher:in Hier muss Theodor Dreschner den schwarzen Winkel tragen. Er gilt als „ASR-Häftling“. Das Kürzel steht für „Arbeitsscheu Reich“. So nennen die Nationalsozialisten die landesweite Verhaftungsaktion. Betroffen sind vermeintliche soziale Außenseiter: Obdachlose, Bettler, Unangepasste. Tatsächlich jedoch richtet sie sich auch gegen all jene, für die von Beginn an kein Platz in der neuen Gemeinschaft vorgesehen ist: Juden, Roma und Sinti.
Mehr als 4.000 Menschen werden zwischen April und Juni 1938 als „ASR-Häftlinge“ nach Buchenwald verschleppt. Der SS dienen sie zunächst als „Prügelknaben“, wie sich Mithäftlinge erinnern. Auch Dreschner wird mehrfach schwer misshandelt. Ewig muss er beim Lageraufbau schuften. Nach zwei Jahren unternimmt er einen Fluchtversuch. Erfolglos.
Dreschner „Als Strafe für die Flucht bekam ich 52 Stockhiebe und 26 Monate Strafkompanie im Steinbruch.“
Sprecher:in Ein solches Strafmaß kommt einem Todesurteil gleich. Die SS achtet auf ihn als Fluchtverdächtigen besonders. Doch Dreschner kann sich anpassen, er überlebt die mörderische Strafkompanie. Ende 1944 wird er in das Außenlager nach Bad Langensalza gebracht. Auf einem Todesmarsch gelingt ihm schließlich die Flucht.
Nach Kriegsende lässt sich Theodor Dreschner in Bayern nieder. Von der Haft gezeichnet, muss er erneut kämpfen. Menschen, die in den Lagern den schwarzen Winkel trugen, begegnet man auch in der Nachkriegszeit mit Vorurteilen. Entschädigungszahlungen erhalten sie nur selten. Eine angemessene Wiedergutmachung verweigert man auch Theodor Dreschner bis zu seinem Tod.