Transkription
Sprecher:in Ein Sommertag 1933. Rudolf spaziert mit seiner großen Liebe durch die thüringische Kleinstadt Meuselwitz. Hand in Hand gehen sie die Straßen entlang, streifen Park und Orangerie: Rudolf und Werner.
Seit kurzem wohnen sie zusammen, küssen sich vor aller Augen. Einen Sommer später heiraten sie – improvisiert und ausgelassen. Rudolf erlebt mit dieser ersten Liebe sein homosexuelles Coming Out. Doch die glücklichen Jahre enden jäh, als er im Frühjahr 1937 verhaftet wird. Obwohl sich diese Gefahr andeutet, denkt er nicht an Flucht:
Rudolf Brazda „Nein, nein, ich habe ja nicht gewusst wohin, ich habe alles auf mich bezogen und sie haben meine Freunde eingesperrt, da werde ich auch eingesperrt. [...] Ich habe ja nie gedacht, dass die [Nazis] irgendwie Gedanken geführt haben, uns [Homosexuelle] in Konzentrationslagern zu vernichten“.
Sprecher:in Tatsächlich ist die offene Atmosphäre in der kleinen Stadt eine erstaunliche Ausnahme. Seit der Machtübernahme der Nazis ist die Lage für Homosexuelle bedrohlich. 1935 verschärft die NS-Justiz den Paragrafen 175 des Strafgesetzbuchs. Nun sind bereits Küsse zwischen Männern strafbar. In den folgenden Jahren werden über 100.000 Männer erfasst, rund 50.000 verurteilt, 5 bis 10 Tausend in KZs verschleppt.
Rudolf muss nach der ersten Inhaftierung das Land verlassen. 24 Jahre ist er alt, als er im tschechischen Karlsbad eintrifft. Dort wird er 1941 zum zweiten Mal verhaftet. Er sitzt die gesamte Strafe ab, wird aber dennoch nicht freigelassen, sondern in sogenannte „Schutzhaft“ genommen und im August 1942 nach Buchenwald verschleppt. Mit dem rosa Winkel gekennzeichnet, gehört er zu einer der Häftlingsgruppen, die in der Hierarchie weit unten stehen. Wie andere Homosexuelle kommt er in die Strafkompanie. Dort muss Rudolf unter schwersten Bedingungen jeden Tag im Steinbruch bei weniger Essen und gekürzten Pausen arbeiten. Rund 650 Homosexuelle sind insgesamt in Buchenwald inhaftiert.
Was folgt, ist eine Ausnahme: Ein Kapo, der für die SS die Arbeit der Häftlinge anleitet, hilft Rudolf vom Steinbruch in ein weniger tödliches Kommando versetzt zu werden: als gelernter Dachdecker zum Baukommando. Das rettet zum ersten Mal sein Leben. Er lernt Fernand kennen, der sein Liebhaber wird.
Rudolf Brazda „In dem Dachdeckerkommando hatte ich einen Arbeitskollegen, mit dem habe ich eine gute Freundschaft geschlossen. Der war so alt wie ich ungefähr, der Fernand. Nandi, Nandi habe ich ihn genannt. [...] [Liebe war es] nicht direkt, eigentlich gar nicht so, nur der Sex. Er war anständig und ich bin froh gewesen, dass ich jemand gefunden hatte“.
Sprecher:in Drei Jahre muss Rudolf in Buchenwald bleiben, drei Mal wird ihm dort das Leben gerettet, von drei Kapos. Beschützt wird er auch von einer mächtigen Häftlingsgruppe: den deutschen Kommunisten, weil er als Jugendlicher in einem kommunistischen Turnverein war.
Ende April 1945, knapp zwei Wochen nach ihrer Befreiung, reisen Rudolf und Fernand nach Frankreich. Zusammen bleiben sie nicht. Seine lebenslange Liebe findet Rudolf in Edi.
Der Paragraf 175 überdauert das Dritte Reich. In der Bundesrepublik wird er erst 1994 nach drei Reformschritten aufgehoben. In der DDR gilt die nationalsozialistische Fassung nicht, straffrei wird Homosexualität auch hier erst 1988. In beiden deutschen Staaten gelten die homosexuellen Verfolgten weiterhin als vorbestraft. Rehabilitiert werden sie 2002.
65 Jahre früher, im Verhör von 1937, kann Rudolf Brazda das ihm zur Last gelegte „Verbrechen“ nicht anderes bezeichnen als – Liebe:
Rudolf Brazda „Ich hatte den [Werner] Bilz sehr gern und ich fühlte mich aus Liebe zu ihm hingezogen“.