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Rudolf Böhmer

Vom katholischen Kinderheim nach Auschwitz (3:32 Min.)

Transkription

Sprecher:in Rudolf Böhmer ist erst 15 Jahre, als die SS ihn Anfang August 1944 als „Zugang“ im KZ Buchenwald registriert. Zusammen mit über 900 Häftlingen ist er soeben aus Auschwitz-Birkenau eingetroffen. Sie sind die Überlebenden des sogenannten Zigeuner-Familienlagers in Birkenau, das die SS kurz zuvor aufgelöst hat. Die meisten ihrer Angehörigen sind in den Gaskammern ermordet worden. Die Männer und Jungen – allesamt Sinti und Roma – leben noch, weil sie als arbeitsfähig gelten.

Im Gegensatz zu den anderen, ist Rudolf Böhmer nur relativ kurz in Birkenau gewesen – etwas über zwei Monate. Und überhaupt unterscheidet sich sein Lebensweg von dem der meisten seiner Mithäftlinge.

Seit 1934 lebt Rudolf mit seinem Stiefvater, seiner Mutter und seinen drei Schwestern in Quedlinburg im Harz in ärmlichen Verhältnissen. Weil sie Sinti sind, ist die Familie rassistischen Diskriminierungen ausgeliefert.

Zudem bereitet Rudolf seinen Eltern Sorgen: Er schwänzt öfters die Schule und begeht kleinere Diebstähle. Mit elf Jahren wird er deshalb im Sommer 1940 in ein katholisches Erziehungsheim eingewiesen – das Raphaelsheim in Heiligenstadt. Hier verbringt er die nächsten Jahre.

Im Heim verbessern sich seine schulischen Leistungen; ein Jahr später feiert er hier auch seine erste heilige Kommunion. Ein besonderes Interesse zeigt er für die Landwirtschaft, wie es in einem seiner Zeugnisse heißt.

Während Rudolf im Heim an seinem Schulabschluss arbeitet, gerät seine Familie in die Fänge einer reichsweiten Aktion gegen Sinti und Roma. Die Kriminalpolizei deportiert seine Eltern und Schwestern im März 1943 nach Auschwitz-Birkenau in das kurz zuvor errichtete „Zigeuner-Familienlager“.

Rudolf entgeht diesem Schicksal zunächst. Da er sich im Heim befindet, wird er schlicht übersehen. Erst ein knappes Jahr später gerät er in den Blick der Behörden. Systematisch sucht die Polizei nun auch in den Erziehungsheimen nach jugendlichen Sinti und Roma. Auch Rudolf ist nun nicht mehr sicher.

Offiziell ist er zu diesem Zeitpunkt immer noch ein sogenannter Anstaltszögling. Er lebt jedoch nicht mehr im Heim, sondern auf einem Bauernhof nahe Heiligenstadt. Die Heimleitung hat ihn dorthin als Hilfsarbeiter vermittelt. Retten kann ihn dies aber nicht.

Ende Mai 1944 holen ihn Beamte der Kripo Erfurt auf seiner Arbeitsstelle ab; einige Tage später – und über ein Jahr nach seiner Familie – wird auch Rudolf nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Als er hier eintrifft, erfährt er, dass die SS seine Familie bereits ermordet hat.

Als das „Familienlager“ aufgelöst wird, steht Rudolf auf der Liste für den Buchenwald-Transport. Obwohl er als arbeitsfähig gilt, hat die SS in Buchenwald keine Verwendung für ihn. Gemeinsam mit 199 anderen jugendlichen Sinti und Roma schickt sie ihn einige Wochen später zurück nach Birkenau.

Die meisten der Jungen ermordet die SS nach der Ankunft. Nur wenige haben Glück und überleben. Unter ihnen ist auch Rudolf.

In den Wirren der Räumung des Lages kommt er Anfang 1945 in das KZ Flossenbürg. Einige Monate nach Kriegsende kehrt er zum Raphaelsheim zurück. Er ist jedoch nur auf der Durchreise. Er will nach Niedersachsen, wo Verwandte leben.

Die andauernde Diskriminierung der Sinti und Roma macht es ihm in den folgenden Jahren schwer, sich ein geregeltes Leben aufzubauen. Er stirbt mit nicht einmal 40 Jahren.


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