Transkription
Sprecher:in
November 1944. Kurz nach ihrem Abitur muss sich Rosa Deutsch in einer Ziegelfabrik am Rand ihrer Heimatstadt Budapest melden. Von hier aus wird sie zusammen mit tausenden anderen Jüdinnen und Juden auf einen vier Wochen dauernden Fußmarsch zur deutsch-ungarischen Grenze getrieben. Anfang Dezember 1944 wird sie ins KZ Ravensbrück verschleppt und muss dort die nächsten Wochen in einem Zelt zubringen. Einen Monat später überstellt sie die SS zusammen mit 700 ungarischen Jüdinnen in das Buchenwalder Außenlager nach Penig, nachdem Firmenvertreter der Max-Gehrt-Werke die Frauen und Mädchen beim Appell in Ravensbrück ausgesucht haben. Rosa Deutsch erinnert sich:
Rosa Deutsch „Nach fünf grausamen Wochen in Ravensbrück wurden mehrere Arbeitskommandos selektiert. So gelangten wir nach langer Fahrt ins Arbeitslager Penig. Die Lebensbedingungen waren katastrophal. Es gab kaum etwas zu essen. Wir mussten täglich drei Kilometer bis zum Betrieb nach Penig laufen, und nach der 8stündigen Arbeit zurück, dazu war noch täglich Appell. Viele von uns wurden bald krank, mit Darm-Magen-Infektionen, Lungenentzündung, Typhus. Wir litten an der Kälte, Hunger, Läusen und Brutalität der SS-Frauen.“
Sprecher:in Die Frauen müssen in drei Schichten in einer Fabrik Flugzeugteile herstellen. Im eigentlichen Barackenlager herrschen miserable hygienische Zustände. Es gibt keine Möglichkeit, sich zu waschen. Die dünne Häftlingskleidung aus Ravensbrück tragen die Frauen die ganze Zeit, Wechselkleidung gibt es nicht. Die Lebensmittelversorgung ist unzureichend. Selbst der SS-Kommandoführer meldet im März 1945 nach Buchenwald, dass die Zahl der akuten Erkrankungen enorm steigt.
Auch Rosa erkrankt lebensgefährlich und wird im so genannten „Krüppelblock“ des Lagers untergebracht. Dorthin bringt die SS die Frauen, die nicht mehr arbeiten können und deren Gesundheitszustand keinen Erfolg auf Heilung mehr verspricht. Sie sollen sterben.
Als die SS das Lager räumt, bleiben diese Frauen zurück. Zwei Tage später befreien amerikanische Soldaten das Lager. Sie versorgen die Überlebenden medizinisch und fotografieren sie. Rosa Deutsch beschreibt Jahrzehnte später diese Situation:
Rosa Deutsch „Ich war mit vielen anderen vom ‚Krüppelblock‘ und Kranken im Revier, die zu schwach waren zum Laufen, im Lager geblieben, ca. 80 Frauen. Zwei Tage später kamen die Amerikaner. Noch an diesem Tag starb ein 18jähriges Mädchen im Revier. Leute vom US-Army-Sanitätsdienst kamen zu uns. Und ein Reporter der Armeezeitung ‚Life‘. Er sprach mit uns, machte Fotos und erreichte, dass wir im kleinen Spital in Altenburg-Leinawald aufgenommen wurden. In diesem Revier starben noch Frauen an Tuberkulose und Herzkrankheiten.“
Sprecher:in Rosa muss mehrere Wochen gepflegt werden. Ende Juli 1945 kann sie zu ihren Eltern nach Budapest zurückkehren. Zwanzig Jahre später nimmt sie Kontakt zu dem amerikanischen Militärjournalisten David E. Sherman auf. Sie bittet ihn, ihr die Fotoaufnahmen, die dieser bei der Befreiung des Außenlagers Penig gemacht hat, zu schicken. Rosa Deutsch übergibt die insgesamt 74 Fotos im Jahr 2001 der Gedenkstätte Buchenwald.