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Paul Baranyai

Burgenländer Roma (3:28 Min.)

Transkription

Sprecher:in 1 Das Konzentrationslager hat hohen Besuch. Die SS lässt eine Gruppe von Häftlingen zum Appell antreten, ein Fotograf der SS ist dabei. Es ist Herbst 1939, kurz nach Kriegsbeginn. Die Häftlinge tragen Streifenkleidung, wie fast alle in Buchenwald. Aber ihre Nummern auf der Jacke sind Häftlingsnummern des Konzentrationslagers Dachau. Vorn gut lesbar: 34003. Das ist Paul Baranyai, 22 Jahre alt, verheiratet, katholischen Glaubens, wohnhaft in Steingraben im österreichischen Burgenland. Auf seiner Kleiderkarte steht „Zigeuner“. Er und die vor und neben ihm sind Burgenländer Roma aus Block 14.

Sprecher:in 2 Im traditionell kleinbäuerlich geprägten Burgenland sind Roma seit Generationen ansässig. Sie haben berufliche Nischen gefunden: als Scherenschleifer und Gelegenheitsschmiede, Korbflechter, Besen- und Bürstenbinder, als Händler, Berufsmusiker oder Saisonarbeiter in der Landwirtschaft. Ihre Diskriminierung und Verfolgung beginnt lange vor dem sogenannten „Anschluss“ Österreichs ans nationalsozialistische Deutschland. Doch mit diesem wird die Verfolgung zur staatlichen Angelegenheit. Eine Denkschrift zu „Zigeunerfrage“ kommt heraus, Verbote und Polizeimaßnahmen treffen die Romafamilien und bringen sie in äußerste Not. Ende Juni 1939 verhaftet und deportiert die österreichische Polizei ganze Familien und verschleppt sie in Konzentrationslager.

Sprecher:in 1 Die Romafrauen bringt man in das Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück, 600 Männer über das Konzentrationslager Dachau nach Buchenwald. Hier weist die SS sie in den Holzbaracken 14 und 15 ein. In ihrer dünnen Häftlingskleidung müssen sie auch im Winter draußen arbeiten. Viele sind schnell am Ende ihrer Kräfte. Alfred Hönemann, ein politischer Häftling, ist ihr Blockältester. Er erinnert sich:

Hönemann „Die ausgemergelten Häftlinge fanden nicht die Kraft, ihre Körper in Bewegung zu halten. Sie standen am Barackenende wie festgenagelt, mit hochgeschlagenem Mantelkragen, die Mütze weit über die Ohren gezogen, die Hände bis an den Ellenbogen in den Taschen, den Mund nach unten hängend, wie Mumien. Hin und wieder ging ein SS-Scharführer an diesen Gestalten vorbei und brüllte sie an, aber sie reagierten schon nicht mehr.“

Sprecher:in 1 Paul Baranyai ist einer von denen, die den harten Winter 1939/40 nicht überleben. Er stirbt an einer Lungenentzündung. Sein Nachlass – Schürze, Hose, Hemd, Schuhe und Mütze – schickt die SS an den Gendarmerieposten Güssing zur Weiterleitung an seine Frau Rosalie. Ob sie es je erhält, ist unbekannt.

Sprecher:in 2 Die Burgenländer Roma, die den ersten Winter überleben, verlegt die SS schon bald darauf in das Konzentrationslager Mauthausen. Angeblich will man sie dort zu Steinmetzen ausbilden. Aber viele gehen schon nach kurzer Zeit elend zugrunde. Auch von ihren Familienangehörigen überleben nur wenige Deportation und Massenmord. An sie erinnert in der Gedenkstätte Buchenwald heute ein Mahnmal, das auf den Fundamenten des Blocks 14, der Baracke von Paul Baranyai, steht.


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