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Otto Herrmann

„Los geht’s! Der Marsch zur Freiheit beginnt!” (3:50 Min.)

Katalog Ausstellung_Buwa_2020

Transkription

Sprecher:in “Los geht’s! Der Marsch zur Freiheit beginnt!” Mit diesen Worten – so erinnert sich der lettische Jude Isaac Kram – versucht Otto Herrmann am Abend des 1. April 1945 seine Mithäftlinge aufzumuntern. Herrmann ist Lagerältester im KZ-Außenkommando Niederorschel, das hastig geräumt werden soll, bevor die Amerikaner anrücken.

Hier im Eichsfeld hat die Junkers AG im September 1944 ein Zweigwerk eingerichtet. Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge – die überwiegende Mehrzahl von ihnen Juden – müssen Tragflächen und Fahrgestelle für Jagdflugzeuge herstellen.

Otto Herrmann, politischer Häftling in Buchenwald seit 1939, ist in Niederorschel von Beginn an als Lagerältester eingesetzt. Isaac Kram beschreibt ihn als „kräftig, klein und stämmig, gebaut wie ein Ringer“. Und kämpfen gelernt hat Herrmann tatsächlich, vor allem in den politischen Konflikten der 20er/30er Jahre: 1921 wird der gelernte Elektroinstallateur Mitglied der KPD, zudem ist er am Mitteldeutschen Aufstand beteiligt, einer bewaffneten Arbeiterrevolte, nach deren Niederschlagung er für mehrere Monate ins Gefängnis muss – es bleibt nicht die einzige Vorstrafe wegen politischer Betätigung. In den Proletarischen Hundertschaften und später im Roten Frontkämpferbund, der paramilitärischen KPD-Truppe, kämpft er seit den frühen 1920er Jahren gegen rechtsextreme Bewegungen. Als 1939 der Krieg ausbricht, nimmt die Gestapo ihn umgehend in Haft.

Unter den Kommunisten im KZ Buchenwald gehört Herrmann dennoch eher zu den Außenseitern. Mag sein, dass seine frühere Mitgliedschaft in einer anarchistisch orientierten Gewerkschaftsbewegung eine Rolle spielt.

Als Lagerältester in Niederorschel setzt sich Herrmann für seine Mithäftlinge ein – auch wenn dies bedeutet, gegen die SS-Bewacher aufzutreten. „Die beinahe erträglichen Bedingungen in unserem Lager”, meint Isaac Kram, „verdankten wir wahrscheinlich zu einem großen Teil unserem ‚Kapo‘ Otto.“ Für viele der Häftlinge, insbesondere die jüdischen, ist dies eine neue Erfahrung. Herrmann macht ihnen Mut, rät Neuankömmlingen, sich als Facharbeiter auszugeben. „Otto behandelte uns mit großer Freundlichkeit”, schreibt Kram: „Wir mochten ihn alle sehr.“

Die Räumung des Außenlagers Anfang April 1945 kann freilich auch Otto Herrmann nicht verhindern. Die SS treibt die Insassen zu Fuß Richtung Buchenwald. Nach sechs Tagen Marsch erreichen sie das Außenlager in Berlstedt, es ist bereits geräumt, bis Weimar sind es nur noch ein paar Kilometer – und dennoch legt die SS eine Marschpause ein, und zwar für mehrere Tage. Otto Herrmann soll die SS-Leute dazu überredet haben.

Als die SS den Marsch fortsetzen lässt und der Häftlingstross am Abend des 10. April das Ziel erreicht, hat der letzte große Räumungstransport Buchenwald verlassen. Tags drauf sind die Amerikaner da, das Lager ist befreit.

Ab August 1945 ist Otto Herrmann als Oberregierungsrat in der Provinzialverwaltung von Sachsen-Anhalt und Sekretär des Innenministers tätig. Doch 1948 verlässt er diese hohen Posten und auch die SED, weil er den stalinistischen Kurs der Partei ablehnt. Bis zur Rente arbeitet er als Hausmeister.

Viele Jahre nach seinem Tod gibt es späte Anerkennung: Die israelische Gedenkstätte Yad Vashem ehrt Otto Herrmann 2004 als „Gerechter unter den Völkern“, die höchste Auszeichnung Israels für Menschen, die sich im Holocaust für Juden eingesetzt haben.


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