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Michael Horvath

Deportation einer Roma-Familie (4:21 Min.)

Transkription

Sprecher:in Oberwart in Österreich, 26. Juni 1939, 4 Uhr: Polizei und SS haben die Siedlung im Burgenland umstellt. Es ist noch dunkel an diesem Montagmorgen. Die Bewohner werden aus dem Schlaf gerissen. Unter ihnen der 17-Jährige Michael Horvath:

An diesem Tag findet die erste Massendeportation im Burgenland statt. In vielen Orten werden ganze Roma-Familien verhaftet. Sie sind dort seit Generationen ansässig, nun sollen sie weg. Unterschiedslos werden Männer, Frauen und Jugendliche in Konzentrationslager verschleppt.

Rückblende: Michael Horvath wird als drittes von insgesamt sieben Kindern geboren. Die Mutter arbeitet als Wäscherin, der Vater im Sägewerk; dennoch ist die Familie arm. An seine Kindheit hat Michael Horvath trotz allem auch gute Erinnerungen:

Horvath „Als Kinder haben wir im Rudel, im Hof gespielt. Da wurde gesungen, Schabernack getrieben und auf keine Uhr geschaut."

Sprecher:in Regelmäßig zur Schule gehen kann er nicht. Schon als 8- und 9-Jähriger hilft er auf einem Bauernhof bei der Ernte. Später ist er Gelegenheitsarbeiter. Wirtschaftliche Not und Arbeitslosigkeit sind groß; Diskriminierungen an der Tagesordnung. Nach dem sogenannten „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich wird die Stimmung gegenüber den Roma noch feindlicher; ihre Diskriminierung wird nun auch staatlich organisiert. Die Männer müssen nun Zwangsarbeit in Steinbrüchen und beim Straßenbau leisten. Darunter auch Horvath. Bis zum Tag seiner Verhaftung im Sommer 1939:

Horvath „Sie müssen auf die Polizei kommen.“- Ich sagte „Wieso? Wir haben nichts angestellt. Wir haben nichts gestohlen. Gar nichts.“ - „Ja, Sie kommen sofort zurück.“

Sprecher:in Eine Rückkehr ist jedoch nicht vorgesehen. Lastwagen stehen bereit. Wohin es geht, erfahren Michael und seine Familie zunächst nicht.

Horvath „Wir mussten sitzen und sahen nicht, wohin wir fahren. Dann waren wir über Nacht in Feldbach. Am Nachmittag wurden wir [dort] auf dem Bahnhof in Waggons gesteckt und fuhren die ganze Nacht nach Dachau.“

Sprecher:in Die Frauen und Mädchen werden 440 in das Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück deportiert; die Männer und Jungen – mehr als 600 – über das Konzentrationslager Dachau nach Buchenwald. Alleine aus der Großfamilie Horvath kommen über 100 Männer Ende September 1939 nach Buchenwald; sie sind zwischen 16 und 59 Jahren alt. Wie schon zuvor in Dachau sind sie auch in Buchenwald der Willkür der SS ausgeliefert:

Horvath „Manchmal, je nachdem wie sie aufgelegt waren, [...] schlugen sie dich viel, manchmal wenig. Aber geschlagen haben sie dich jeden Tag.“

Sprecher:in Hinzu kommen die Arbeitsbedingungen: Bei Wind und Wetter werden die „Zigeuner“ – wie die SS die Burgenländer Roma nennt – vor allem in schweren Kommandos eingesetzt. Jeder Dritte überlebt den Winter und das erste Jahr in Buchenwald nicht. Die noch leben, schickt die SS 1941 weiter in das Konzentrationslager Mauthausen in Österreich.

Dorthin kommt auch Michael Horvath im Mai 1941.In den Außenlagern Gusen und Lungnitz muss er in einem Steinbruch und einem Bombenräumkommando Schwerstarbeit leisten. Mit Glück überlebt Michael Horvath die Strapazen. Als er zwei Monate nach der Befreiung in seine Heimat nach Oberwart zurückkehrt, muss er feststellen, dass der Großteil seiner Familie ermordet worden ist.

Horvath Früher waren wir 360 Zigeuner mit Kindern hier – und 19 kamen heim! Und da waren Dörfer, wo Zigeuner lebten und jetzt ist dort kein einziger mehr […] Wo sind die alle? Und das glaubt niemand. Wenn man davon erzählt, sagen sie: „Ah, das is Schmäh.“

Sprecher:in Michael Horvath bleibt in Oberwart. Anna, eine Überlebende des KZ-Ravensbrück, wird seine große Liebe. Er heiratet sie und wird stolzer Vater von acht Kindern. Das Leben der Roma ist jedoch auch nach 1945 nicht frei von Diskriminierungen. Einen traurigen Höhepunkt erreichen die erneuten Feindseligkeiten 1995. Bei einem Bombenanschlag werden zwei seiner Enkel getötet.

 


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