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Martin Hamburger

Journalist, ASR-Häftling, jüdischer Emigrant (4:17 Min.)

Katalog Ausstellung_Buwa_2020
Mit seinem Hund Lottchen auf der Fahrt von Hamburg nach Shanghai, Mai 1939 ©Gedenkstätte Buchenwald

Transkription

Sprecher:in Journalist auf Lebenszeit und Hundefreund. Martin Hamburger hatte ein langes Leben, dem man sich in Jahrzehnteschritten nähern kann:

Mit 20 beginnt seine Karriere als Journalist,

mit 30 heiratet er,

mit 40 wird er Mitglied der SPD,

mit 50 Chefredakteur der Berliner Illustrierten Nachrichten,

mit 60 wird er von der Gestapo verhaftet, nach Buchenwald verschleppt und zur Emigration gezwungen,

mit 70 kehrt er verwitwet aus dem Exil nach Berlin zurück und heiratet erneut.

Martin Hamburger stirbt im Alter von 86 Jahren.

Ganz besonders hängt Martin Hamburger an seiner Hündin „Lottchen“. Sie wird 1936 geboren. Es ist die Zeit als er sich vergeblich bemüht, aus Deutschland zu emigrieren. Schon seit der Machtübernahme 1933 hat der jüdische Journalist und Sozialdemokrat Berufsverbot. Als Vertreter schlägt er sich recht und schlecht durch. Als er am 14. Juni 1938 verhaftet wird, ist er 62 Jahre alt. Seine treue Hündin will ihn schützen:

Martin Hamburger „Als die Gestapo mich verhaftete und ins KZ brachte, bellte sie vor Wut die Vollstreckungsbeamten an.“

Sprecher:in In Buchenwald wird Martin Hamburger als jüdischer ASR-Häftling registriert. ASR steht für Arbeitsscheu Reich. So nennt die Gestapo die größte Verhaftungswelle 1938. Sie betrifft Menschen, die schon immer ins Abseits gestellt werden: Obdachlose, Bettler und Verweigerer gegen das Arbeitsregime. Sie alle gehören nicht zur neuen Gemeinschaft. Doch sie richtet sich demonstrativ auch gegen die Deutschen, die die Nationalsozialisten von Anfang an aus dem Land vertreiben wollen: Juden, Sinti und Roma. Von April bis Juni 1938 werden mehr als 10.000 Menschen in Konzentrationslager verschleppt, 4.000 allein nach Buchenwald.

Für die Berliner Juden hat die SS keine Baracken mehr. Sie werden in einem alten Schafstall untergebracht – 500 Männer auf engstem Raum – statt Betten Tannenreisig auf dem nackten Boden – 5 Mann ein Brot und jeder einen halben Liter Wassersuppe pro Tag – täglich um 3 Uhr früh Wecken und bis zum Einbruch der Dunkelheit beim Bau des Lagers arbeiten. Erst Ende August werden sie wenigstens in Baracken verlegt.

Zu diesem Zeitpunkt entlässt die Gestapo Martin Hamburger aus Buchenwald. Er hat Aussicht auf ein Auslandsvisum, das gibt wohl den Ausschlag. Sein neuer Pass, versehen mit einem großen „J“, ist nur ein Jahr gültig. Doch die meisten Länder wollen keine jüdischen Flüchtlinge. Kurz vor Ablauf dieser Frist nutzt er die einzige verbliebene Chance zur Emigration: Shanghai. Die von Japanern besetzte Stadt verlangt kein Einreisevisum.

Im Mai 1939 gehen Martin Hamburger, seine Frau und die Hündin „Lottchen“ an in Hamburg Bord eines Schiffes. Es bringt sie ins Exil. In Shanghai schreibt er gelegentlich für Blätter der englischsprachigen Auslandspresse und für eine jüdische Zeitung. Das Leben der Flüchtlinge ist schwer, und es verschlechtert sich im Laufe des Krieges. Die Japaner richten in der Stadt ein Ghetto ein, in dem nun alle Juden leben müssen. Sie überstehen diese Zeit, doch Monate nach Kriegsende stirbt Martin Hamburgers Frau Elsa. Im Sommer 1947 kehrt er allein – aber immer noch mit „Lottchen“ an der Seite – nach Berlin zurück. Er ist nun 71 Jahre alt, heiratet noch einmal, ist weiter als Journalist unterwegs, kämpft mit finanziellen Engpässen und wartete Jahre auf die Bewilligung seines Antrags auf Entschädigung. Als seine treue Hündin 1951 stirbt, schreibt er ihr einen Nachruf.


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