Transkription
Martin Gauger Der Verlust meines Amtes geht mir erbärmlich nahe, obschon ich froh bin, (keinen) uneingeschränkten Eid der Treue und des Gehorsams gegenüber jemandem geleistet (zu haben), der seinerseits an kein Recht und kein Gesetz gebunden ist.
Sprecher:in Martin Gauger hat den Treueeid auf Hitler verweigert. Es ist Oktober 1934, der Abschied von seiner Juristenkarriere, die kaum begonnen hat. Dabei setzte er, wie viele evangelische Christen, anfangs Hoffnungen in die „nationale Regierung“ Hitlers. Doch bald zerstört die Gestapo in Geborgenheit des wohlhabenden, religiösen Elternhauses. Der Vater, ein Pfarrer, wird verhaftet und dessen Zeitschrift verboten.
Eine befohlene Mordwelle innerhalb der SA-Führung gibt den Ausschlag für die Verweigerung Gaugers. Man entlässt Martin Gauger aus dem Staatsdienst. Er setzt sich an seine Doktorarbeit, berät verfolgte Pfarrer und verfasst Gutachten für die Oppositionsbewegung innerhalb der Kirche. Diese stellt ihn 1938 schließlich fest an. Doch er bleibt auch dort ein Unbequemer. Dann, Monate nach Kriegsbeginn, kommt im Frühjahr 1940 der Einberufungsbefehl zur Wehrmacht. Freitod scheint ihm der einzige Ausweg. Im Abschiedsbrief an seinen Bruder schreibt er:
Martin Gauger Ich soll dem Krieg dienen, den ich doch aus tiefster Seele ablehne. Ich halte ihn für keinen Verteidigungskrieg, sondern für einen Angriffskrieg. [...] Du verstehst, dass es sich um eine Gewissensentscheidung handelt. [...] Aber was soll ich tun? Kann ich mich an einem Krieg beteiligen, der alles zerstört, was mir teuer ist? Ich kann es nicht, ich kann mich an der Zerstörung nicht beteiligen. [...] und wenn einmal der Nebel sich zerteilt hat, in dem wir leben, dann wird man sich fragen, warum nur einige, warum nicht alle sich so verhalten haben.
Sprecher:in Der Versuch sich umzubringen schlägt fehl. Freunde verstecken ihn und helfen ihm zur niederländischen Grenze. Er durchschwimmt den Rhein und kommt in den Niederlanden an. Es ist der 9. Mai 1940, einen Tag bevor die Deutschen die Niederlande überfallen. Er flieht weiter, will in die Schweiz, doch eine Militärpatrouille schießt ihm in die Beine. Als der Landeskirchenrat vom „Fall Gauger“ erfährt, wird das Dienstverhältnis gelöst. Selbst auf Bitten der Mutter setzt sich keiner der lutherischen Bischöfe für ihn ein. Krankenhaus, Gestapoge-fängnis Düsseldorf, KZ Buchenwald sind die weiteren Stationen.
In Buchenwald setzt ihn die SS auf die Liste eines Todestransportes. Acht Wochen nach seiner Ankunft wird Martin Gauger in der Gaskammer der Tötungsanstalt Pirna-Sonnenstein erstickt. Die SS fälscht die Todesursache. Sein Bruder Joachim erhält vom SS-Arzt Hoven die Nachricht:
Waldemar Hoven Ich bedaure den plötzlichen Tod Ihres Bruders fern von seinen Angehörigen umso mehr, da ärztlicherseits alles getan worden ist, um seine Gesundheit zu erhalten.