Transkription
Sprecher:in Die Verhaftung kommt überraschend. In der Nacht zum 23. August 1944 holen Uniformierte den 48-jährigen Volksschullehrer Joseph Roth in seiner Wohnung in Bad Godesberg bei Bonn ab. Vor den Augen seiner Frau und der drei Kinder wird er in Handschellen abgeführt. Man bringt ihn zur Polizei nach Bonn und kurz darauf in das sogenannte Messelager in Köln: ein Lager der Gestapo – für viele bloß Durchgangsstation auf dem Weg in ein KZ.
Joseph Roth ist in dieser Nacht nicht der Einzige, der in die Fänge der Gestapo gerät. Überall im Deutschen Reich verhaftet die Polizei in einer Aktion über 5.000 Männer und einzelne Frauen – ohne konkreten Anlass, ohne Angabe von Gründen.
Es sind ehemalige Abgeordnete der KPD, der SPD und der katholischen Zentrumspartei. Politisch aktiv sind die meisten seit über zehn Jahren nicht mehr.
Das Regime hält sie dennoch für bedrohlich. Angesichts des gescheiterten Hitler-Attentats sollen sie als potentielle Widerständler vorbeugend festgesetzt werden – egal, ob ein Verdacht vorliegt oder nicht. Die entsprechenden Listen hat die Gestapo bereits Jahre zuvor angelegt.
Joseph Roth gerät als ehemaliger Zentrumsfunktionär ins Visier der Verhaftungswelle. Der gebürtige Kölner entstammt einer tief religiösen Familie; drei seiner Brüder sind katholische Geistliche.
Wie sein Vater – ein erfolgreicher Dekorationsmaler mit eigenem Unternehmen – engagiert sich Joseph bereits früh für die Zentrumspartei. In den zwanziger Jahren ist er Vorsitzender der Partei in Bad Godesberg, wo er als angesehener Volksschullehrer arbeitet und lebt.
In der Politik tritt er als aktiver Gegner der Nationalsozialisten auf. 1933 gerät er deshalb erstmals in den Fokus der neuen Machthaber: Er muss seine politischen Ämter aufgeben und wird er für einige Monate zwangsbeurlaubt. Schließlich versetzt man ihn an eine Dorfschule – eine berufliche Degradierung.
Mitte der dreißiger Jahre beruhigt sich die Lage scheinbar. Der Familienvater Roth arbeitet weiter als Dorfschullehrer und bekennt sich weiter offen zur katholischen Kirche. Trotz seines Alters muss er am Frankreichfeldzug teilnehmen, bevor er in den Lehrerberuf zurückkehrt.
Dass die Nationalsozialisten ihn nicht vergessen haben, zeigt die Verhaftung im August 1944.
Nach rund drei Wochen im Kölner „Messelager“ deportiert die Gestapo Joseph Roth Mitte September mit weiteren Opfern der „Aktion Gitter“ – so der Tarnname der reichsweiten Verhaftungsaktion – in das KZ Buchenwald.
Hier ist er einer von über 700 sogenannten Gitterhäftlingen. Die meisten von ihnen – oft Männer im fortgeschrittenen Alter – kommen nach wenigen Wochen wieder frei. Denn die unbegründete Massenverhaftung stößt vielfach auf Unverständnis in der Bevölkerung.
Auch die Familie von Joseph Roth lässt nichts unversucht, um den Familienvater aus dem Lager zu befreien. Und es gelingt: Ende Oktober 1944 darf Roth unter strengen Auflagen zu seiner Familie ins Rheinland zurückkehren.
Doch die Monate in Haft haben alles verändert: Joseph Roth ist schwer krank; trotz medizinischer Betreuung erholt er sich nicht mehr von den dramatischen Folgen der Haft. Drei Monate nach seiner Entlassung stirbt Joseph Roth im Kreise seiner Familie. Im Jahre 2000 wird er in die Gruppe der Märtyrer der katholischen Kirche aufgenommen. Eine späte Würdigung.