Transkription
Sprecher:in Noch ist Faybusch Itzkewitsch voller Zuversicht. Im Gefängnis diktiert er Brief um Brief, adressiert an seine Frau und seinen Sohn. Er spricht akzentfrei Deutsch, beherrscht aber die deutschen Schriftzeichen nicht. Somit ist er auf die Hilfsbereitschaft seiner Mitgefangenen angewiesen. Als er 1937 wegen „Rassenschande“ verhaftet und zu einer 15monatigen Gefängnisstrafe verurteilt wird, kann er sich eine Zukunft in Deutschland nicht mehr vorstellen. In einem Brief vom 25. Juni 1938 teilt er seiner Frau mit, dass er nach seiner Haftentlassung im Oktober 1938 das Land verlassen will:
Itzkewitsch „Nach allem was mir in den letzen Jahren widerfahren ist, habe ich mich entschlossen auszuwandern, dieser Entschluss steht unumstößlich fest für mich.“
Sprecher:in Faybusch Itzkewitsch, er selbst nennt sich Ferdinand, kommt am 15. August 1891 im russischen Lipsko zur Welt. Im Ersten Weltkrieg gerät er in deutsche Kriegsgefangenschaft. Nach seiner Gefangenschaft lässt er sich in Ehmen bei Wolfsburg nieder. Auch wenn die deutschen Behörden seinen Antrag auf Einbürgerung ablehnen, wird die Ortschaft sein neues Zuhause: Der gelernte Schuster eröffnet eine Werkstatt, in der er Spezialschuhwerk herstellt. Er lernt Gudrun, eine Deutsche, kennen, mit der er in einer unehelichen Gemeinschaft lebt. 1923 wird Sohn Horst geboren.
Seine jüdische Herkunft spielt in diesen Jahren keine Rolle. Doch als die Nationalsozialisten im September 1935 die Nürnberger Gesetze erlassen, wird das Verhältnis zu seiner Frau plötzlich kriminalisiert. Nun steht die Liebe zwischen Juden und Deutschen unter Strafe. Bald denunziert ihn ein Nachbar deswegen, im Juli 1937 wird er inhaftiert.
Auf seine Haftentlassung wartet Ferdinand Itzkewitsch vergebens. Am 10. November 1938 verschleppt ihn die Gestapo ins Konzentrationslager Buchenwald. Als „Rasseschänder“ gekennzeichnet, gehört er aus Sicht der SS zu denen, die in der Hierarchie der Zwangsgemeinschaft ganz unten stehen – er gilt als „vogelfrei“.
Aber auch in Buchenwald zeigen sich seine Mithäftlinge solidarisch und helfen ihm, Briefe zu verfassen. Einer von ihnen, Sergius Meisel, schreibt nach seiner Entlassung aus Buchenwald an Itzkewitschs Lebensgefährtin Gudrun:
Meisel Ich war bis zum 22.04.1939 mit Ferdinand zusammen. Wir haben wie zwei Brüder gelebt, haben Bett an Bett geschlafen und alles was wir hatten und bekamen […] brüderlich geteilt. […] Ich kann und darf Ihnen nichts über die letzten 6 Monate mitteilen, bitte Sie jedoch inständig, für Ferdinand alles zu tun, dass er entlassen wird.
Sprecher:in Alle Bemühungen um seine Entlassung bleiben jedoch erfolglos. Buchenwald wird für Ferdinand Itzkewitsch zur tödlichen Falle. Ende Juni 1941 entsteht der letzte Brief an seinen Sohn:
Itzkewitsch Gesundheitlich geht es mir gut und hoffe von Euch das Gleiche. Bitte lass mir auf diesen Brief bald Antwort zukommen, denn ich freue mich darüber sehr. Dir und Deiner lieben Mutter sende ich recht herzliche Grüße und bin Dein Papa
Sprecher:in Rund zwei Wochen später verlässt ein „Transport“ Buchenwald in Richtung Sonnenstein im sächsischen Pirna. Alle als Juden und Behinderte ausgesuchte Menschen dieses „Transports“ werden in der dortigen Gaskammer erstickt – auch Ferdinand Itzkewitsch.