Transkription
Sprecher:in 1 „Waren Sie schon einmal vor Gericht?
Haben Sie andere Häftlinge geschlagen?
Welche Farbe hatte Ihr Winkel am Häftlingsanzug?“
Sprecher:in 2 Eigentlich ist Carl Schrade als Zeuge beim Flossenbürg-Prozess in Dachau geladen, um gegen SS-Männer und sogenannte Funktionshäftlinge auszusagen. Doch an diesem Junitag 1946 muss er sich rechtfertigen. Die Anwälte der Gegenseite versuchen, ihn vor Gericht bloßzustellen. Dies gelingt jedoch nicht. Ehemalige Mithäftlinge erinnern sich äußerst positiv an Schrades Hilfsbereitschaft und Engagement als Funktionshäftling.
Warum also die Fragen?
Carl Schrade ist ein sogenannter BV-Häftling – ein „Vorbeugungshäftling“, meist bloß „Berufsverbrecher“ genannt. Innerhalb der Polizei ist diese Bezeichnung schon in den 20er Jahren oft zu hören; für Menschen, die mehrfach straffällig geworden sind. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wird sie eine Kategorie in den Konzentrationslagern. SS und Polizei sprechen vom „gesunden Volkskörper“, sehen Menschen wie Carl Schrade als kranke Teile, die man herausschneidet und wegwirft. Auch für dieses rassistische Konzept plant die SS neue Lager wie Buchenwald.
Carl Schrade ist für niemanden eine Bedrohung. Es sind eher die Umstände, die ihn mit dem Gesetz in Konflikt bringen. Geboren in Zürich als Kind deutscher Eltern wächst er in der Schweiz auf, wird trotzdem mit 19 Jahren zum Kriegsdienst eingezogen und übersteht mehrere Jahre in den Schützengräben des 1. Weltkrieges. Als 23-jähriger Kriegsheimkehrer in Berlin versucht er Verschiedenes: ist Zwischenhändler, schließt zwielichtige Bekanntschaften und landet schließlich mehrfach vor Gericht. 1934, als er die letzte Strafe abgesessen hat, sind die Nationalsozialisten an der Macht. Die Kriminalpolizei holt ihn am Gefängnistor ab. Elf Jahre Konzentrationslager liegen vor ihm: Lichtenburg, Esterwegen, Sachsenhausen, Buchenwald, Flossenbürg. Mit dem ersten Transport wird er am 15. Juli 1937 aus Sachsenhausen auf dem Ettersberg bei Weimar gebracht. 14 Stunden dauert der Arbeitstag beim Aufbau des Lagers. Doch Carl Schrade hat Glück, wird in der Kantine beschäftigt, kann sogar noch Nahrung an Mithäftlinge abgeben. Die Erlebnisse von Buchenwald verfolgen ihn zeitlebens:
Carl Schrade „Ich sehe noch die Kolonnen meiner entkräfteten, völlig erschöpften Kameraden,“ erinnert er sich, „wie sie unter dem Fenster des Büros, in dem ich saß, vorbeizogen, all diese Männer, die heute tot sind, gestorben an Erschöpfung, an Durst und an Verzweiflung, um von anderen ersetzt zu werden, die auch bald umfallen und ersetzt werden von Tausenden ihresgleichen: unaufhörliche Bewegung, höllischer Kreislauf der Sklaverei, dem niemand Einhalt gebietet...“
Sprecher:in 2 Um Buchenwald zu verlassen, meldet er sich 1939 zu einem Transport in das KZ Flossenbürg. Dort angekommen, muss er zunächst in den Granitsteinbrüchen arbeiten. Seine organisatorischen Fähigkeiten retten ihn: Er kommt in die Verwaltung, arbeitet im Baubüro, wird Blockältester und Kapo des Häftlingskrankenbaus. Im Rahmen seiner Möglichkeiten schützt er hier die kranken Häftlinge, kümmert sich hinter dem Rücken des SS-Arztes um die gerechte Verteilung von Essen und Medikamenten. So versucht er wenigstens einige Kranke vor den oft lebensgefährlichen Eingriffen und Experimenten des Lagerarztes zu bewahren.
Nach der Befreiung hilft Carl Schrade den Sanitätern der US-Armee bei der Versorgung der Kranken des Lagers, verbringt dann ein Jahr in Paris und kehrt schließlich in seine Geburtsstadt Zürich zurück. Dort arbeitet er als kaufmännischer Angestellter und bekommt später die Schweizer Staatsbürgerschaft. Zuvor muss er erleben, dass seine Haftkategorie aus dem Konzentrationslager als Vorurteil auch in der Nachkriegszeit weiterlebt. Ehemalige Häftlinge, die den grünen Winkel trugen, haben keine Chance auf Entschädigungszahlungen und werden in der Öffentlichkeit nicht als Opfer wahrgenommen. Carl Schrade gibt deshalb zunächst an, auch wegen politischer Überzeugungen verhaftet worden zu sein. Doch es nützt nichts. 1958 wird Carl Schrades Antrag auf Entschädigung endgültig abgelehnt. Er schreibt einen langen Bericht über seine Erlebnisse, der vierzig Jahre nach seinem Tod veröffentlicht wird.