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Carl Mierendorff

„Freunde, greift ein!“ (4:37 Min.)

Transkription

Carl Mierendorff „Haben Sie den Mut und bleiben Sie einmal hier, Herr Dr. Goebbels, und stehen Sie Rede und Antwort, wenn ein Kriegsteilnehmer zu ihnen spricht, damit wir sehen, ob Sie es wagen können, einem Kriegsteilnehmer ins Auge zu schauen.“

Sprecher:in Berlin, am 6. Februar 1931. Der SPD-Reichstagsabgeordnete Carl Mierendorff fordert den Gauleiter von Berlin Joseph Goebbels heraus. Mierendorff gehört zu den vehementesten Kritikern der aufstrebenden Nationalsozialisten, die er im Reichstag immer wieder attackiert. Nein, an Mut fehlt es ihm nicht.

Geboren wird Carl Mierendorff – den seine Freunde nur Carlo nennen – am 24. März 1897 in Großenhain bei Dresden. Die Familie zieht nach Hessen. Neue Heimat wird Darmstadt. Mierendorffs Vater ist Textilgroßhändler, die Mutter weckt das Interesse des Sohnes für Kunst und Literatur. Nachdem Mierendorff das Notabitur abgelegt hat, meldet er sich als Kriegsfreiwilliger. Als Soldat kämpft er in Masuren und an der Westfront.

Während des Krieges gründen seine Freunde in Darmstadt die literarisch-künstlerische Zeitschrift „Die Dachstube“. Hier und in der Schriftenreihe „Bücher der Dachstube“ erscheinen seine ersten literarischen Arbeiten. In der „Dachstube“ erscheint zudem ein Text, der Mierendorffs Hinwendung zur Politik erklärt. Dieser Ausruf beginnt mit den Zeilen:

Carl Mierendorff „Die Zeit fordert heraus! Wir stehn am Ende! Nun dürfen wir nicht mehr still sein und uns von den Ereignissen rädern lassen.“

Sprecher:in Die Kunst, so heißt es weiter, höre nicht auf, das letzte Ziel zu sein. Doch stünden sie jetzt an einem Punkt, an dem Kunst nur an dem gemessen werden kann, was sie dem ringenden Leben bietet. Mierendorff schließt mit den Worten:

Carl Mierendorff „Wir wollen und dürfen nicht mehr schweigen: Wir warten auf Euch, Freunde, auf Euer heißestes Herz, auf Euer reinste Gesinnung! Springt ein und form euern Mut, sucht Richtung, Wege und Ziele: Unhemmbarer Wille zur Zukunft reiße uns hoch, sei unsere gläubigste Losung. Freunde, greift ein!"

Sprecher:in Mierendorff studiert nach dem Krieg Volkswirtschaft. Schon als Student wendet er sich der Politik zu. Zunächst noch mit den Mitteln der Publizistik: 1919 gründet er die Zeitschrift „Das Tribunal. Hessische radikale Blätter“.

Nach der Promotion über „Die Wirtschaftspolitik der Kommunistischen Partei“ arbeitet er beim Deutschen Transportarbeiterverband, wird er Redakteur des „Hessischen Volksfreund“ in Darmstadt und Sekretär der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion. 1930 kommt er als jüngstes Abgeordneter der SPD in den Reichstag.

Mierendorffs mutiger Kampf gegen die Nationalsozialisten bleibt nicht ohne Folgen. Im Juni 1933 wird er verhaftet, tags darauf von den Nazis durch die Straßen Darmstadts geschleift. Sie beschimpfen ihn als „Presseschwein“, „Lump“, „Stromer“ und „Arbeiterverräter“, im Gefängnis wird er geschlagen und getreten. Danach verschwindet Carlo Mierendorff im Konzentrationslager: Osthofen, Börgermoor, Lichtenburg, Esterwegen, Buchenwald.

Endlich, 1938, wird er aus Buchenwald entlassen. Seine langjährige Freundin hat inzwischen einen hohen NSDAP-Funktionär geheiratet. Ein schwerer Schlag im Privaten. Doch er lässt sich nicht unterkriegen. Ihm, den die Zeit im Konzentrationslager nicht gebrochen hat, bleibt der Kampf gegen Hitler das Gebot der Stunde. Er schließt sich dem „Kreisauer Kreis“ an, der Widerstandsbewegung um Graf von Moltke und Graf Yorck von Wartenburg. Sein Tarnname ist „Dr. Friedrich“. Mierendorff entwirft ein programmatisches Papier: den Aufruf zu einer „Sozialistischen Aktion“. Diese Aktion ruft Christen, Sozialisten, Kommunisten und Liberale zum gemeinsamen Handeln auf. Sie wird sein Vermächtnis. Am 4. Dezember 1943 kommt Carl Mierendorff bei einem Bombenangriff auf Leipzig ums Leben.


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