Transkription
Sprecher:in
Im Januar 1945 stoßen Truppen der Roten Armee nach Oberschlesien vor. Im Arbeitskommando Laband bei Gleiwitz hört der junge Belgier Charles Brusselairs, wie das Kanonenfeuer immer lauter wird.
Plötzlich ist die Frontlinie sehr nah; die Gefangenen werden von den Wachen zur Eile angetrieben: Sie sollen das Lager so schnell wie möglich verlassen. Bei -15°C schleppen sie sich tagelang durch hohen Schnee. Charles erinnert sich:
Charles Brusselairs
„Wir krepierten vor Hunger und Kälte. Unsere Decken und Uniformen, durchweicht vom geschmolzenen Schnee, gefroren an unseren Körpern. Die meisten hatten keine Schuhe mehr. Einige hatten Lumpen oder Teile der Decke um die Füße gewickelt. Andere waren einfach barfuß. […] Alles, was wir aus Laband hatten, war auf dem Weg verloren gegangen“.
Sprecher:in
Rufe, Befehle und Schüsse begleiten den Marsch tausender entkräfteter Häftlinge Richtung Westen. Wer nicht mehr weitergehen kann, wird erschossen. Über 100 Häftlinge aus Laband sterben auf dem Todesmarsch.
Nach dem Krieg wird Charles bei Schnee immer wieder an diese schrecklichen Tage, die Kälte, den Hunger und die Erschöpfung zurückdenken.
Nach zehn Tagen erreichen sie Neisse in Oberschlesien. Von dort transportieren die Deutschen die Gefangenen in offenen Güterwagen über das KZ Groß-Rosen ins Innere des Reiches. Am 5. Februar 1945 erreichen sie Buchenwald. Sie werden als politische Häftlinge im Kleinen Lager untergebracht.
Charles ist noch Schüler, als er sich der belgischen Résistance anschließt. Seine Gruppe sammelt militärische Informationen, verteilt Druckschriften und leistet Fluchthilfe. Die Aktivitäten des Widerstands nehmen in ganz Westeuropa stetig zu. Im September 1941 beschließt Hitler, die vermeintlichen Täter spurlos – bei „Nacht und Nebel“ – aus den besetzten Gebieten verschwinden zu lassen. Das Gefühl der Ungewissheit soll die Bevölkerung abschrecken.
Ende Juni 1943 wird Charles verhaftet und gefoltert. Seine Eltern erhalten auf Nachfrage keine Auskunft; sie wissen nicht, wo sich ihr Sohn befindet, ob er überhaupt noch lebt. Als sogenannter NN-Häftling – kurz für „Nacht und Nebel“ – kommt er zunächst in ein Strafgefangenenlager nach Esterwegen im Emsland, später ins Zuchthaus Groß-Strehlitz in Oberschlesien und schließlich auf den Todesmarsch nach Buchenwald.
Kurz bevor amerikanische Truppen Weimar erreichen, schickt die SS ihn erneut auf einen Räumungstransport: Über 4.600 Häftlinge sind fast einen Monat lang unterwegs; etwa die Hälfte von ihnen stirbt auf der Irrfahrt, die am 6. Mai 1945 in Theresienstadt endet. Doch Charles überlebt:
Charles Brusselairs
„Die Tür unseres Wagons öffnete sich. Ich schaute in das fröhliche Gesicht eines Mannes in einer unbekannten Uniform. Er fragte mich etwas in einer Sprache, die ich nicht verstand. Ich antwortete auf Russisch: ‚Nje Ponimai‘ [...] Der Mann brach in Gelächter aus und [sagte] dann: ‚Krieg vorbei, morgen Maman, Fräulein, Cognac.‘ Niemand antwortete, wir blieben sitzen. Nach ein paar Augenblicken murmelte [Alfons] Lambrechts […] neben mir: ‚Männer, dieser Kerl behauptet, dass der Krieg vorbei ist.‘ Immer noch keine Antwort. Wir waren so gut wie tot.“
Sprecher:in
Auch Charles ist sehr geschwächt. Ende Juni 1945 wird er über ein amerikanisches Repatriierungslager bei Prag in ein Sanatorium im Schwarzwald ausgeflogen. Erst am 11. April 1946 kehrt er nach Hause zurück.
Charles Brusselairs heiratet und wird Vater von vier Söhnen. Für viele Jahre ist er Vorsitzender des belgischen Buchenwaldkomitees und erhält zahlreiche Auszeichnungen.