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Theodor Neubauer

Historiker, Parteijournalist, Reichstagsabgeordneter der KPD (3:56 Min.)

Transkription

Theodor Neubauer „Wir stehen mitten drin. Mitten in dem Untergang einer Welt. Mit der wir alle mit tausend Fäden verknüpft sind. Von deren Untergang wir alle berührt werden.“

Sprecher:in Diese Zeilen schreibt Theodor Neubauer 1920. Der Krieg ist beendet, die Republik gegründet. Er ist 29 Jahre alt, Oberlehrer für Französisch, Englisch und Geschichte an einem bürgerlichen Lyzeum und anerkannter Historiker. Sein Weg ist fast geradlinig verlaufen: Vom Sohn eines Gutsinspektors über den Gymnasiasten, den Wandervogel-Führer, den Studenten in Brüssel, Jena und Berlin bis zum Doktor der Philosophie. Er ist Kriegsfreiwilliger, Leutnant der kaiserlichen Armee, wird verwundet. Wie viele seiner Zeitgenossen ist er überzeugt, dass der Krieg alles grundlegend geändert hat. Und er stellt sein bisheriges Leben infrage. An eine Freundin schreibt er:

Theodor Neubauer „Du kennst meine Einstellung zu dem, was ich tun muss. Ich muss dienen, mich einstellen in den Strom des Werdenden. Ich muss kämpfen und Lasten tragen. Der politische Kampf ist ja nur ein Teil davon. Selbst wenn er beendet wäre durch unseren Sieg, würde meine Aufgabe nicht leichter. Denn ich kämpfe ja nicht für eine Partei, sondern für die Menschheit.“

Sprecher:in Er wird zum Rebell. Seine Vorstellungen einer sozialistischen Schulreform stoßen auf harte Ablehnung. Bald wird er aus dem Lyzeum entlassen, bekommt eine andere Stelle und sieht sich auch dort streikenden konservativen Eltern gegenüber. „Roter Doktor “ nennen ihn die Arbeiter. Er tritt in die KPD ein, wird Landtagsabgeordneter in Thüringen, erlebt Verfolgung und Wohnungswechsel. Seine Frau und die zwei Kinder halten sich mühsam über Wasser. Er sieht sie nur selten. Bald weicht die Schwärmerei seines politischen Anfangs einer nüchternen Sicht. Doch er bleibt ein radikaler Anhänger der Revolution. Die Republik ist für ihn nur ein Übergang. Er wird Parteijournalist, Reichstagsabgeordneter, hält Reden gegen die Nationalsozialisten. Nach dem Januar 1933 ist er bedroht. Trotzdem flieht er nicht, taucht unter und nimmt an der letzten Tagung der KPD-Spitze teil. Seine Frau erinnert sich an diese Zeit:

Elisabeth Neubauer „Theo wurde illegal, die Kinder und ihre Betreuerin Anna nahmen Bekannte auf, denn nach einer normalen Polizeihaussuchung belästigten sie laufend Haussuchungen durch wilde SA-Horden, die sie bedrohten, die uns auch ein ganzes Auto Bücher mitnahmen, sowie den Schreibtischkasten, in dem außer Bildern aus Russland alle Wertpapiere und Ausweise meines Mannes lagen.“

Sprecher:in Im August 1933 verhaftet die Gestapo Theodor Neubauer in Berlin. Vergeblich hofft er auf seine Freilassung. Ohne die Aussicht auf einen Prozess schiebt ihn die Gestapo von einem Konzentrationslager zum anderen: Esterwegen, Columbiahaus, Lichtenburg, Buchenwald sind die Stationen. In Buchenwald, wo er seit August 1937 ist, schauen viele auf ihn – die SS, die Gestapo, seine Genossen, denen er ein Vorbild gibt. 1939 überraschend aus dem Lager entlassen, beginnt er erneut mit der illegalen Arbeit. Er wird zum Kopf eines Thüringer Widerstandsnetzwerks, das Flugblätter druckt und Kontakte in ganz Deutschland hat. Wieder wird er verhaftet. Der Volksgerichtshof verurteilt ihn zum Tode. Am 5. Februar 1945 wird er hingerichtet. Seine letzte Nachricht an die Familie lautet:

Theodor Neubauer „Ich sterbe mit festem Herzen – selbstverständlich.“


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