Ausstellungsplan des Leitsystems: 2xGoldstein, Rheinstetten

Konzeption & Gestaltung

Die Gestaltung der neuen Dauerausstellung „Buchenwald. Ausgrenzung und Gewalt 1937 bis 1945“ hat die Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora in intensiver Zusammenarbeit mit Holzer Kobler Architekturen, Zürich/Berlin in unmittelbarer Bezugnahme auf das historische Quellenmaterial entwickelt. Präsentiert werden rund 750 Objekte, über 400 Dokumente und mehr als 1.300 Fotografien. Hinzu kommen Hörstationen, die 85 lebensgeschichtliche Porträts sowie 25 Erinnerungsberichte ehemaliger Häftlinge bzw. eingesprochene Auszüge aus Dokumenten versammeln. Weitere 600 biografische Annotationen befinden sich in den verschiedenen Texten der Ausstellung. Auf mehr als 40 Screens und Projektionsflächen werden in der Ausstellung Fotos, Film- und Interviewsequenzen sowie Zitate ehemaliger Häftlinge gezeigt.

Ausstellungskonzeption
Die Ausstellung „Buchenwald. Ausgrenzung und Gewalt 1937 bis 1945“ wendet sich an ein Publikum jenseits der Zeitgenossenschaft. Die allermeisten Besucherinnen und Besucher der Gedenkstätte verfügen bereits heute nicht mehr über unmittelbare Erinnerungen an Nationalsozialismus und Zweiten Weltkrieg. Zudem sind sie nach Herkunft, Alter, Vorkenntnissen, nationalen, (erinnerungs-)kulturellen und medialen Prägungen verschieden. Ausstellungen wie die neue Dauerausstellung dürfen sich deshalb nicht darauf beschränken, die Geschichte des KZ und der Häftlinge nachzuerzählen. Vielmehr sollten sie auch die Gegenwartsrelevanz des nationalsozialistischen Zivilisationsbruchs erfahrbar machen und dabei ernst nehmen, dass weder Opfer noch Täter vom Himmel fallen. Deshalb müssen sie auf – buchstäblich – anschauliche Weise Wissen über diese Geschichte vermitteln, Zusammenhänge darstellen und so gut wie möglich begreifbar machen, „wie es dazu kommen konnte“; jedoch ohne oberlehrerhaft zu bevormunden, zu moralisieren oder (emotional) zu überwältigen. Damit dies trotz des zeitlichen Abstandes und der unterschiedlichen Voraussetzungen auf Seiten der Besucherinnen und Besucher gelingen kann, mussten nicht nur neue und dafür geeignete thematische Perspektiven entwickelt werden. Es war auch notwendig, in ein und derselben Ausstellung verschiedene – aber aufeinander bezogene – kognitive und gestalterische Zugänge zum Thema zu schaffen. Deshalb setzt sich die Ausstellung aus 5 inhaltlich und gestalterisch differenzierten Ausstellungsformen zusammen, die gleichwohl ein Ganzes bilden.

Die Ausstellung stellt die Geschichte des KZ Buchenwald nicht isoliert dar. Sie zeigt das Konzentrationslager vielmehr eingebettet in die deutsche Gesellschaft der Jahre 1937 bis 1945. Schlaglichtartig wirft sie so Licht auf die politische und moralische Verfassung dieser Gesellschaft, die Einstellungen und das Handeln von Institutionen, Behörden, Firmen oder Personen, die Verschränkungen des KZ mit der Außenwelt und darauf, wie man sich dem Lager vielfältig bediente.

Ausstellungsgestaltung
Die Ausstellung präsentiert sich nicht als Reihung und Abfolge von Vitrinen. Sie ist nicht als nichtssagende chronologische Aneinanderreihung von Daten und Fakten gestaltet. Vielmehr entwickelt die neue Dauerausstellung ihr Thema zunächst in drei auf je besondere Weise gestalteten Strängen:

Erstens wird in einem Zentralstrang die Geschichte Buchenwalds in Deutschland zwischen 1937 und 1945 prägnant dargestellt. Er ist in vier Kapitel und 17 Themenfelder gegliedert, die jeweils mehrere elementare Facetten (insgesamt 68) dieser Geschichte modular bündeln. Die Darstellung geht in diesem Bereich aus der aufschlussreichen Zusammenführung und Verknüpfung aussagekräftiger historischer Quellen aller Art hervor: Objekte, Schriftdokumente, Fotos, Filmsequenzen, usw.; Hörstationen ergänzen die Darstellung. Jedes der vier Kapitel wird durch einen eigenen Leittext erschlossen und historisch eingeordnet. Jeweils vertikal präsentierte Leitobjekte kennzeichnen die Themenfelder optisch und inhaltlich, und es ist auch jedem Themenfeld jeweils ein einführender Text zugeordnet. Die Texte fokussieren das Wesentliche und sind so weit wie möglich voraussetzungsfrei gehalten, damit auch Besucherinnen und Besucher mit wenig Vorwissen „abgeholt“ werden.

Einen zweiten Zugang bilden sechs Hörstationen zur Lebens- und Verfolgungsgeschichte von Häftlingen. Am Beispiel von insgesamt 85 Menschen wird hier zum einen exemplarisch deutlich, wie die Häftlingsgesellschaft im KZ Buchenwald zusammengesetzt war. Erstmals bekommen alle auf Grund der nationalsozialistischen Ideologie bzw. in Folge der NS-Besatzungsherrschaft verfolgten Opfergruppen beispielhaft Stimme und Gesicht, etwa auch die aus sozialrassistischen Gründen verfolgten „Asozialen“ und „Gewohnheitsverbrecher“. Zum anderen verdeutlichen die Lebensgeschichten, aus welchen Gründen und mit welchen Rechtfertigungen Menschen verfolgt und ausgrenzt wurden, welche Zwecke und Ziele sich damit verbanden und wer daran beteiligt war oder davon wusste. Geschichte wird in Gestalt von Lebensgeschichten plastisch und konkret.

Ein drittes Gestaltungselement bilden drei Realienkabinette. Als in sich geschlossene, ausschließlich der Geschichte der Opfer gewidmete Räume thematisieren sie anhand von originalen Sachzeugnissen aus dem Lager bzw. aus dem Besitz von Häftlingen während ihrer Gefangenschaft die übergreifenden Themen Depersonalisierung und Uniformierung, Unterernährung und Hunger sowie Selbstbehauptung. Die Realienkabinette vermitteln Geschichte in erster Linie sinnlich-visuell. Sie sprechen in besonders intensiver Weise die historische Vorstellungskraft der Besucherinnen und Besucher an und damit deren Bereitschaft zur Empathie. Sie sind bewusst still gehalten. Historische Aufklärung und ein gewisser Andachtscharakter sind in den Realienkabinetten miteinander verbunden.

Alle drei Stränge sind inhaltlich und räumlich aufeinander bezogen. Emotionales und kognitives Lernen, Berührung und Begreifen, visuelle Attraktion und historisch informierte Reflexion werden nicht gegeneinander ausgespielt, sondern bereichernd und konstruktiv aufeinander bezogen.

Zwei interaktive, animierte Informationsmodule bieten in der Ausstellung zusätzlich abrufbare Informationen: zum einen zu den 139 Außenlagern des KZ Buchenwald, zum anderen zu über 100 Orten und Einrichtungen – Gefängnisse, Lager usw. –, von denen aus Menschen aus ganz Europa zwischen 1939 und 1945 von den Deutschen in das KZ Buchenwald deportiert worden sind.

Große Realien bzw. Sachzeugnisse wie die Kopien von Schillers Möbeln, die Häftlinge anfertigen mussten, oder der Galgen des Lagers, stehen, in Themenfeldern integriert, frei. Sie sind bewusst nicht in Vitrinen untergebracht. Und zwar nicht nur deshalb, weil dies konservatorisch möglich ist, sondern insbesondere als Zeichen dafür, dass die Geschichte und die Erfahrung der Opfer um ihrer Bedeutung für eine bessere Gegenwart und Zukunft Willen – paradox formuliert – zwar auch musealisiert werden müssen, aber ohne sie zu musealisieren; d. h. ohne sie zur „toten Geschichte“ zu erklären, die man im Museum ablegen kann.

Den vier Hauptkapiteln der Ausstellung sind ein Prolog voran- und ein Epilog nachgestellt.
Der Prolog in Gestalt einer audio-visuellen Animation vermittelt auf das Wesentliche konzentriert ereignisgeschichtliche Etappen der politischen, rechtlichen und gesellschaftlichen Transformation in Deutschland von der Machtübergabe an Hitler und die NSDAP 1933 bis zum Bau des KZ Buchenwald 1937. So wie der Prolog ist auch der Epilog gestalterisch vom Hauptteil der Ausstellung abgesetzt. Neun Schlaglichter umreißen die Situation im befreiten Lager Buchenwald und werfen Licht auf die Nachgeschichte, etwa die rechtliche und gesellschaftliche Aufarbeitung der NS-Verbrechen in West- und Ostdeutschland bzw. deren Verzögerung und Einschränkung. In diesem Schlussteil kommen Überlebende zur Befreiung als unmittelbare Zeugen der Verbrechen, in Zeugnissen zu den Auswirkungen von Verfolgung und Lager sowie in Reflexionen zu den Konsequenzen, die aus Geschichte und Erfahrung des Nationalsozialismus gezogen werden sollten, zu Wort.

Ausstellungsgebäude
Baulich erstreckt sich die Ausstellung erstmals über alle drei Stockwerke des ehemaligen Kammergebäudes. Das Erdgeschoss ist als Ankunfts- und Orientierungsbereich gestaltet. Zugleich befindet sich hier der Prolog und die Besucherinnen und Besucher werden erstmals mit einem Raumwinkel konfrontiert, der scheinbar die Decke durchschneidet. Tatsächlich handelt es sich um eine Raum-in-Raum-Konstruktion, die wie eine Störung des Bestandsgebäudes alle drei Stockwerke durchzieht. Diese Konstruktion ist nicht beliebig oder artifiziell. Vielmehr greift sie die Grundfläche des ehemaligen Kammergebäudes auf. Als sei es verschoben und gekippt, wird das Lagergebäude gegen sich und die Geschichte, der es entstammt und die es symbolisiert, gewendet. Gleichzeitig entsteht auf diese Weise ein Ausstellungsraum, der die starre, repetitive Geometrie des historischen Gebäudes aufbricht und der die Ausstellung von dessen Vorgaben und Einschränkungen befreit; nicht zuletzt befreit von der Unübersichtlichkeit des Kammergebäudes auf Grund dessen dreireihiger Pfeilerstruktur, die die Erschließung der Vorgängerausstellung für Besucherinnen und Besucher erheblich erschwerte. Der Raumwinkel als Störung setzt sowohl ein Zeichen wie er auch für die Ausstellung funktional ist.