Rüstungsproduktion im KZ Buchenwald. Foto: Claus Bach, Sammlung Gedenkstätte Buchenwald

Kapitel 3: „Totaler Krieg“

1943 – die Niederlage der Wehrmacht in Stalingrad straft die Propaganda vom baldigen „Endsieg“ Lügen. Als Antwort darauf ruft das Regime den „totalen Krieg“ aus. Doch im vierten Kriegsjahr ist es nur noch mit Millionen von ausländischen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern möglich, die Rüstungsproduktion aufrechtzuerhalten.

Diesen Menschen droht die Einweisung in Konzentrationslager, wenn sie verbotene Kontakte zu Deutschen unterhalten oder sich der Arbeit entziehen. Tausende von sowjetischen und polnischen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter liefert die Gestapo deshalb in Konzentrationslager ein.

Auch die Konzentrationslager werden auf die Rüstungsproduktion ausgerichtet. Damit steigt der Bedarf an Häftlingen weiter. Aus den besetzten Ländern lassen Gestapo und SS Hunderttausende in die Konzentrationslager deportieren; ab Mitte 1944 sogar Juden – aber auch Roma – aus Auschwitz, die vor ihrer Vernichtung noch Zwangsarbeit leisten sollen. Die SS vermietet die Häftlinge an die Rüstungsindustrie und errichtet in ganz Deutschland, gemeinsam mit den Firmenleitungen, Außenlager. Sie sind unübersehbar.

Ein Lager für die Kriegswirtschaft

Das KZ Buchenwald wird zum Rüstungsstandort. Die SS baut eine Gewehrfabrik und arbeitet eng mit der Rüstungsindustrie zusammen. Die Firmenleitungen interessiert nichts anderes als die Leistung der Häftlinge. Um die Produktivität zu steigern, setzt die SS nun nicht mehr ausschließlich auf Strafen, sondern führt zusätzlich Prämien als Anreiz ein.

Gleichzeitig müssen Häftlinge in mörderischem Tempo eine Bahnstrecke bauen, die Fabrik und Lager mit dem Bahnhof in Weimar verbindet. Über sie erreichen ab 1944 auch immer größere Häftlingstransporte das KZ Buchenwald. Die Ankommenden schleust die SS nach wenigen Wochen zur Zwangsarbeit in die entstehenden Außenlager. Das Hauptlager ist für die meisten Häftlinge jetzt nur noch Durchgangsstation.

Zwangsarbeiter für den „Endsieg“

Mit der Nutzung der Lager für die Rüstungsproduktion steigt der Bedarf an Arbeitskräften massiv. Um die Lager zu füllen, verhaften SS und Gestapo in den besetzten Ländern zahllose Menschen. Diese Aktionen sollen zudem den Widerstand in der Bevölkerung brechen. Im Herbst 1944 sind im KZ Buchenwald und seinen Außenlagern 90.000 Häftlinge aus dem besetzten Europa inhaftiert, darunter erstmals in großer Zahl Frauen.

Bereits der Weg ins Lager wird für die Gefangenen zur Tortur. Zusammengepfercht in Viehwaggons sind sie oft tagelang unterwegs: Durst, Hunger und Ungewissheit quälen sie. Gedemütigt und verstört erreichen sie das KZ Buchenwald.

Selektion und Zwangsarbeit

Ende 1943 befindet sich fast die Hälfte der Häftlinge in Außenlagern des KZ Buchenwald. Unternehmen, Städte, staatliche und militärische Dienststellen beuten ihre Arbeitskraft aus. Insgesamt errichten SS und Firmen mehr als 130 Außenlager. Häftlinge gehören in Deutschland nun zum Alltagsbild.

Wohin die Häftlinge kommen, ist oft entscheidend für ihre Überlebenschancen. In der Rüstungsproduktion sind die Chancen größer als auf unterirdischen Baustellen wie im Außenlager Dora. Die meisten Häftlinge gelten als austauschbare Hilfsarbeiter; ihr massenhafter Tod ist einkalkuliert. Wer nicht mehr kann, wird zum Sterben in die Konzentrations- und Vernichtungslager Majdanek und Auschwitz, später in das KZ Bergen-Belsen deportiert. Häftlinge leben in ständiger Angst vor Selektionen, bei denen SS-Ärzte über ihre „Arbeitsfähigkeit“ entscheiden.

Solidarität und Widerstand

Solidarität, die alle Häftlinge einschließt, ist in den Konzentrationslagern unmöglich. Angst und Fremdheit blockieren Vertrauen. Der ständige Mangel an Nahrung und anderen lebensnotwendigen Dingen erzeugt unablässig Konkurrenz.

Solidarität entsteht in Gruppen, die sich aufgrund gemeinsamer Überzeugungen, des Glaubens oder der Herkunft finden. Es braucht Zeit, um Vertrauen zu fassen, die Verhältnisse richtig einzuschätzen und geheime Strukturen aufzubauen. Deshalb bleibt organisierter Widerstand im Wesentlichen auf das Hauptlager beschränkt. Trotzdem entstehen auch in Außenlagern Gruppen, in denen man sich hilft.

Häftlinge unterlaufen im KZ Buchenwald die Verhältnisse: Sie bauen nationale Hilfskomitees auf, dokumentieren heimlich Verbrechen, beschaffen Nachrichten zum Kriegsverlauf, sabotieren im Rahmen ihrer begrenzten Möglichkeiten die Rüstungsproduktion und verstecken Todgeweihte.

Kommunistische Funktionshäftlinge im KZ Buchenwald

In allen Konzentrationslagern setzt die SS Häftlinge zur Aufrechterhaltung des Lagerbetriebes ein. Zwischen der SS und der Mehrheit der Häftlinge entsteht so die von ihr abhängige Schicht der Funktionshäftlinge. Wenige, wie Lagerälteste, Blockälteste und Kapos, bekommen Weisungs- und Strafbefugnisse. Eine größere Gruppe ist verantwortlich für den Betrieb der Magazine, Schreibstuben, Baubüros und des Häftlingskrankenbaus. Zu den Funktionshäftlingen gehören auch die Angehörigen des Lagerschutzes, die Lagerhandwerker und Dolmetscher. Sie sind besser versorgt und stehen über ihren Mithäftlingen.

Die SS verlangt von den Funktionshäftlingen unbedingten Gehorsam. Sie müssen Häftlinge überwachen, Transporte zusammenstellen, sich an der Organisation der Zwangsarbeit und an der Aussonderung von Arbeitsunfähigen beteiligen. Funktionshäftlinge müssen sich entscheiden, ob sie ihre Position zum eigenen Vorteil nutzen oder sich – unter Risiken – auch für andere Häftlinge einsetzen.

Nur im Konzentrationslager Buchenwald besetzen deutsche kommunistische Häftlinge – unter eiserner Führung ihrer illegalen Parteiorganisation – ab 1943 alle entscheidenden Posten. Sie sichern in erster Linie das Überleben der eigenen Gruppe und schützen Kommunisten aus anderen Ländern: Sie bringen sie in besseren Arbeitskommandos unter, schreiben Transportlisten um und bevorzugen sie bei der Krankenversorgung; dies auch auf Kosten anderer Häftlinge. Ihr Einsatz zum Schutz der eigenen Gruppe verändert aber auch die Situation des gesamten Lagers: Seuchengefahr wird bekämpft, Nahrung gerechter verteilt, Gewalt eingedämmt. Es entstehen begrenzte Räume zur Schonung von Schwachen und zur Rettung von Kindern und Jugendlichen.