"Exponate" der SS-Pathologie, aufgebaut für die Einwohner Weimars bei der von der US-Armee befohlenen Besichtigung des Konzentrationslagers Buchenwald am 16. April 1945. Foto: Walter Chichersky, National Archives, Washington

“Stimmt es, dass die SS im KZ Buchenwald Lampenschirme aus Menschenhaut anfertigen ließ?“

Beantwortet von Dr. Harry Stein, Kustos.


Die Geschichte hat eigentlich drei Kapitel: 1. Gab es jemals einen solchen Lampenschirm und wer hat ihn wirklich gesehen? 2. Gab es den Lampenschirm im April 1945 noch; diente er als Beweisstück? 3. Was wurde aus der Geschichte mit dem Lampenschirm; wie und mit welchen Mitteln wurde sie weitererzählt?

1. Gab es jemals in Buchenwald einen Lampenschirm aus Menschenhaut?

Für die Existenz eines Lampenschirms aus Menschenhaut gibt es zwei glaubwürdige Zeugen, die ihre Aussagen auch beeidet haben: Dr. Gustav Wegerer, Österreicher, politischer Häftling, Kapo der Pathologie, und Josef Ackermann, politischer Häftling in der Pathologie und Sekretär des Lagerarztes Waldemar Hoven. Wegerer erklärte an Eidesstatt: „Etwa zur selben Zeit [1941-H.S.] erschien eines Tages der Lagerkommandant Koch und der SS-Arzt Müller in meinem Arbeitskommando, der Pathologie. Damals befand sich gerade der aus gegerbter, tätowierter Menschenhaut hergestellte Lampenschirm für Koch in Arbeit. Koch und Müller suchten unter den vorhandenen gegerbten, pergamentdünnen Menschenhäuten Motive, die mit geeigneten Tätowierungen versehen waren, für den Lampenschirm aus. Aus dem Gespräch, das die beiden führten, ging hervor, dass die vorher gewählten Motive nicht das Gefallen der Ilse Koch gefunden hatten. Der Lampenschirm wurde sodann fertiggestellt und an Koch abgeliefert.“ Dr. Hans Müller, später SS-Arzt auf dem Obersalzberg, war von März 1941 bis April 1942 als Pathologe in Buchenwald. Der Zeitpunkt läßt sich durch die Aussage Ackermanns noch präzisieren. Ackermann war nämlich, wie er 1950 vor Gericht als Zeuge aussagte, der Überbringer der Lampe. Der Lampenfuß sei aus einem menschlichen Fuß und Schienbein angefertigt worden; auf dem Schirm habe man Tätowierungen und sogar noch Brustwarzen gesehen. Anläßlich der Geburtstagsparty von Koch [August 1941 - H.S.] habe er von Lagerarzt Hoven den Auftrag erhalten, die Lampe in die Villa Koch zu bringen. Das tat er. Einer der Partygäste habe ihm später erzählt, die Präsentation der Lampe sei ein Riesenerfolg gewesen. Die Lampe sei sofort wieder verschwunden, nachdem die höhere SS-Führung davon erfahren habe. Ilse Koch könne man aber die Anfertigung des Lampenschirms nicht zur Last legen (nach Smith, A. L.: Die Hexe von Buchenwald, Weimar, Köln, Wien 1994, S. 192).

Die „höhere SS-Führung“ meint höchstwahrscheinlich den Höheren SS- und Polizeiführer Prinz von Waldeck-Pyrmont, der Koch Ende 1941 wegen Korruption und zügelloser Machtentfaltung erstmals verhaften ließ. Manches deutet darauf hin, daß bereits im zeitlichen Umfeld dieser Verhaftung der Schirm als mögliches Belastungsstück wieder zerstört wurde. Dr. Kurt Sitte, politischer Häftling und seit Frühjahr 1942 in der Pathologie, erinnert sich, dass zu seiner Zeit in der Pathologie noch von dem Lampenschirm erzählt worden sei, er selbst ihn aber nicht mehr gesehen hätte. Auch SS-Richter Morgen fand bei der zweiten Verhaftung und Durchsuchung des Hauses Koch im August 1943 kein entsprechendes Beweisstück mehr vor. So hat es, folgt man den Aussagen, den Lampenschirm aus Menschenhaut - gefertigt als perfides „Partygeschenk“, das sich in Karl Kochs Psychogramm durchaus einfügt - im zweiten Halbjahr 1941 gegeben. Als Beweisstück war er lange vor Kriegsende verloren.

2. Gab es den Lampenschirm im April 1945 noch; diente er als Beweisstück?

Erstmals am 16. April 1945 präsentierte man im befreiten Lager Buchenwald einen Tisch mit Präparaten der Pathologie, darunter eine Anzahl gegerbter, tätowierter Menschenhäute, zwei „Schrumpfköpfe“ sowie einen Lampenschirm. Ein Foto wie auch Filmaufnahmen dieses Tisches gingen um die Welt.
Ausgewählte Stücke, die damals gezeigt wurden - der Lampenschirm war nicht darunter - haben Spezialisten der US-Armee kurze Zeit später auf ihre Authentizität überprüft. Major Reuben Cares, Chef der Pathologie des Seventh Medical Laboratory, APO 403, New York, fertigte eine Expertise über die Echtheit von drei in Buchenwald gefundenen Stücken gegerbter und tätowierter Menschenhaut an. Er kam zu dem Schluß, daß „all three specimens are tattooed human skin“. Das Gutachten datiert vom 25.5.1945 und befindet sich im Beweismaterial des Dachauer Buchenwaldprozesses. Einer Aufstellung zufolge (ebenfalls Material Buchenwaldprozeß) ist ein Teil der auf dem Tisch in Buchenwald gezeigten Beweisstücke bis 1947 an verschiedenen Orten und durch wechselnde Personen nacheinander aufbewahrt und gesichert worden: ab 29.4.1945 von Major Purry E. Thomsen, Invantry, 12th Army Group; ab 15.10.1945 von Lt. Colonel Ottmar Eichmann, Cav.; ab 1.12.1946 von Alexander von Blumenthal, CWO, USA; ab 15. Januar 1947 von William D. Denson, War Department civilian Attorney, Chief Prosecutor for the Buchenwald Concentration Camp Case. Heute befinden sich die meisten in den National Archives Washington D.C. und im Armed Forces Institute of Pathology, Washington D. C. Unter den in den National Archives verwahrten Hautstücken ist eines, daß auf eine weitere Verwendung (trapezförmiger Zuschnitt, Lochungen) hinweist.
Der Lampenschirm, der auf verschiedenen Fotos vom 16.-21. April 1945 zu sehen ist, befand sich offensichtlich schon Ende April nicht mehr unter den Beweisstücken, und er ist bis heute in keiner amerikanischen Sammlung gefunden worden. Woraus er wirklich bestand, ist deshalb nicht mehr nachprüfbar; zeitgenössische Kommentatoren sprechen von einem Lampenschirm aus Menschenhaut. Nach meiner Ansicht, die sich auf einen Fotovergleich stützt, handelte es sich um die Tischlampe aus dem Dienstzimmer des Kommandanten Hermann Pister.

3. Was wurde aus der Geschichte mit dem Lampenschirm; wie und mit welchen Mitteln wurde sie weitererzählt?

Die Erzählung vom Lampenschirm aus Menschenhaut war Bestandteil der Nachkriegserzählung und wurde von der Presse, besonders im Umfeld der zwei gegen Ilse Koch 1947 und 1950 geführten Prozesse, stark aufgegriffen. Obwohl man Frau Koch in dieser Hinsicht keine konkrete Schuld nachweisen konnte, blieb die Lampenschirm-Geschichte lange Jahre fester Bestandteil der Buchenwald-Erzählung (nicht nur in der DDR). Schon die erste Ausstellung zur Geschichte des Lagers zeigte 1954 den kleinen, schlicht gearbeiteten Schirm einer Nachttischlampe als "Lampenschirm aus Menschenhaut". Er war von Karl Straub, einem ehemaligen Häftling, übergeben worden und stammte wohl offensichtlich aus dem Lager. Die Ausstellungsgestalter (Museum f. Deutsche Geschichte, Berlin) sahen wohl keine Veranlassung, seine Echtheit zu prüfen, und sich vielmehr in der Pflicht, diese Geschichte zu veranschaulichen. Der kleine Lampenschirm wurde in allen folgenden Ausstellungen als „Lampenschirm aus Menschenhaut“ weiter gereicht und noch in der 1985 neu gestalteten Dauerausstellung gezeigt. Erst mit der nach dem Ende der DDR durchgeführten Grundrevision des Sammlungs- und Ausstellungsbestandes wurde die Echtheit überprüft. Das vom Institut für Gerichtliche Medizin der Medizinischen Akademie Erfurt (Prof. Dr. sc. med. Leopold) am 6.7.1992 erstellte Gutachten besagt: „Präparat IV (Lampenschirm) ist dagegen serologisch nicht als menschlicher Art zu identifizieren. Möglicherweise handelt es sich dabei um einen Kunststoff, der in ähnlicher Zeit für Lampenschirme produziert wurde. Letztlich ist aber nicht völlig auszuschließen, daß es sich dennoch um biologisches Material handelt.“ Der Lampenschirm war schon vorher aus der ständigen Ausstellung genommen worden. Er befindet sich zur Zeit als Falsifikat im Fundus der Gedenkstätte.