Haarfeiner Draht speichert die Stimmen von Displaced Persons aus dem Jahr 1946. Foto: Axel Doßmann

Weblog zu Interviews mit Überlebenden aus dem Jahr 1946 geht online

Fragen an Displaced Persons 1946 und heute

Die Fotos und Filme von Leichenbergen und sterbenskranken Menschen in den befreiten KZs – sie betrachtet im April 1945 auch der Sozialpsychologe David P. Boder in Chicago. Doch er vermisst  die Stimmen der Überlebenden. So schnell wie möglich will Boder die Befreiten zu ihren persönlichen Erlebnissen befragen – und ihre vielsprachigen Erzählungen auch akustisch aufzeichnen für spätere Reflexion und Forschung. Im Sommer 1946 reist David P. Boder nach Europa und führt Interviews mit über 100 Displaced Persons (DPs). Die auf magnetisiertem Draht (Foto) gespeicherten Gespräche bilden heute die historisch erste Sammlung von Audio-Interviews mit Überlebenden der Shoah überhaupt.

Für den Psychologen waren die „DP-Stories“ vieles zugleich: historische Dokumentation, emphatische Solidarität mit Entwurzelten, Grundlage für Sprach- und Traumaforschung und gesellschaftliche Reflexion. Aber was bedeuten uns diese Zeugnisse heute? Hören wir genau genug hin?

Jetzt starten Jenaer Historiker:innen mit einem Weblog ein digitales Forum für diese Interviews. Im 75. Jahr nach Boders Recherchen lädt der Blog „Fragen an Displaced Persons: 1946 und heute“ zum Zuhören ein, befragt und diskutiert die Interviews aus unterschiedlichen Perspektiven. Was waren Boders Fragen an die Überlebenden, darunter viele junge Menschen? Wie sprachen die DPs – jüdische und nicht-jüdische – ein Jahr nach ihrer Befreiung über ihre Familien, über Gewalt, Zwangsarbeit, Deportationen, über Tod und Überleben in Ghettos und KZs? Was erwarteten die heimatlos Gewordenen von der Zukunft?

Und nicht zuletzt: Welche Fragen stellen wir heute an diese lebensgeschichtlichen Deutungen? Was lässt sich begreifen an diesen dialogisch entstandenen „Autobiographien“? Der Blog ist auch ein Ort für gemeinsames Nachdenken über die pädagogischen Herausforderungen von medial überlieferter Zeugenschaft.

Die Redaktion lädt alle Interessierten zu Beiträgen ein, bitte wenden Sie sich an:
Dr. Axel Doßmann, axel(dot)dossmann(at)uni-jena(dot)de
Lisa Schank, lisa(dot)schank(at)posteo(dot)de

Weblog am Lehrstuhl für Geschichte in Medien und Öffentlichkeit der Friedrich-Schiller-Universität Jena, in Kooperation mit der Paul V. Galvin Library am Illinois Institute of Technology und der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, als Modellprojekt gefördert durch die Bundeszentrale für politische Bildung.