Pierre Sudreau, 13. Mai 1919 – 22. Januar 2012. Foto: Ronald Hirte

Trauer um Pierre Sudreau

Im Alter von 92 Jahren verstarb am 22. Januar 2012 in Paris unser hoch geschätzter Freund Pierre Sudreau. Diese Nachricht erfüllt uns mit großer Trauer. Wir werden ihn nicht vergessen und ihm ein ehrendes Andenken bewahren.

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora

Zum Gedenken an Pierre Sudreau

Volkhard Knigge – Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora

Es fällt schwer, von Pierre Sudreau Abschied zu nehmen. Es fällt schwer, sich Frankreich und Europa ohne Pierre Sudreau vorzustellen. Und uns allen, die wir auf dem Ettersberg bei Weimar in der Gedenkstätte Buchenwald arbeiten, wird Pierre Sudreau sehr fehlen. Ich bin Pierre Sudreau das erstemal 1995 begegnet, auf dem ehemaligen Appellplatz des KZ Buchenwald. Er war gekommen, um zum 50. Jahrestag der Befreiung des Lagers zu sprechen. Er hat dabei einen Satz gesagt, den ich nie vergessen werde: „Ich bin in den Lagern ein Europäer geworden“. Dieser Satz hat mich tief berührt und erschüttert. Ein französischer Patriot, den die deutschen Nationalsozialisten auf Grund seines Widerstands gegen die Besatzung und gegen ihre absolut menschenfeindliche, rassistische Ideologie und Herrschaft in das KZ bei Weimar deportiert hatten, hatte der Inhumanität unter Einsatz seines Lebens nicht nur die Stirn geboten. Er hatte darüber hinaus aus der Erfahrung des Bösen Konsequenzen gezogen, durch die das Vertrauen in die Menschlichkeit des Menschen wieder aufgerichtet, wieder rehabilitiert wurde. Pierre Sudreau gehört zu den – ohne Pathos – großen Männern des antinazistischen Widerstands in Europa und im KZ Buchenwald. Er gehört zu denen, die allen human und demokratisch denkenden Menschen nach Ende des von Deutschland entfesselten Zweiten Weltkrieges Hoffnung und eine Mut machende Vision gegeben haben. Weil Solidarität und Brüderlichkeit, weil Widerstand selbst in den nazistischen Lagern über nationale, über politische, über ethnische, über religiöse Grenzen hinweg möglich war, ist – und bleib – gewiß, dass der Mensch dem Menschen kein Wolf sein muß. Und gewiß bleibt, dass – wie es im Schwur von Buchenwald heißt – von Menschen eine „neue Welt des Friedens und der Freiheit aufgebaut“ werden kann. Unser Respekt und unser Dank gilt Pierre Sudreau, dem Versöhner zwischen Deutschland und Frankreich. Unser Dank gilt Pierre Sudreau, dem Visionär eines von den Krankheiten des Nationalismus, des Egoismus, des Rassismus und der Kriege befreiten solidarischen Europas der Bürger- und Menschenrechte. Unser Dank gilt Pierre Sudreau, dem Franzosen und Europäer, der so viel dazu beigetragen hat, dass wir heute in einem freundlicheren Europa leben, als man es zu Beginn des 20. Jahrhunderts je hoffen konnte. Es ist an uns, dieses Europa, dass aus so viel Leid und so großem Mut geboren wurde, zu bewahren, zu verbessern und ihm eine Zukunft zu geben. Zum Guten für Europa und zum Guten für die Welt. Pierre Sudreau ist gegangen, aber seine Worte und sein Geist bleiben.

Zum Leben Pierre Sudreaus

Pierre Sudreau wurde am 13. Mai 1919 in Paris geboren. Nach der Besetzung Frankreichs durch die deutsche Wehrmacht schloss er sich der Résistance an und bekam im Februar 1943 gemeinsam mit André Boyer und Jean-Maurice Hermann die Führung des parteiübergreifenden Widerstandsnetzwerkes „Brutus“ übertragen. Pierre Sudreau übernahm die Leitung in einem Teil des besetzten Frankreichs (zone nord). Ende 1943 verhaftet verbrachte er eineinhalb Jahre in Pariser Gefängnissen.

Am 14. Mai 1944 wurde Pierre Sudreau gemeinsam mit weiteren Kameraden des Widerstandsnetzes aus dem Gefängnis Fresnes in das Konzentrationslager Buchenwald deportiert und dort als französischer Politischer Häftling registriert. Als Chef des „Brutus“-Netzwerks wurde er zum Tode verurteilt. Vor der Vollstreckung des Urteils wurde Sudreau bewahrt, weil ihm im Lager die Identität eines verstorbenen Häftlings verschafft werden konnte. Auch in Buchenwald war Pierre Sudreau in den organisierten Widerstand eingebunden und an der Befreiung des Lagers durch bewaffnete Häftlinge und Einheiten der 3. US Armee am 11. April 1945 beteiligt.

„Ich bin in den Lagern ein Europäer geworden“, sagte Pierre Sudreau rückblickend in seiner Rede anlässlich des 50. Jahrestags der Befreiung des KZ Buchenwald. Zentral war für ihn die Erfahrung nationenübergreifender Freundschaft und Solidarität, die auch deutsche Häftlinge umfasste. Dadurch lernte er das "andere Deutschland" neben dem des alten Erbfeindes und nationalsozialistischen Aggressors kennen. Vor diesem Hintergrund sollte sich Pierre Sudreau sein ganzes leben lang für die europäische Einigung stark machen.

Bereits wenige Wochen nach der Befreiung aus Buchenwald und seiner Rückkehr nach Frankreich wurde Pierre Sudreau Mitglied der Übergangsregierung Charles de Gaulles. Bald musste er sein Amt aus gesundheitlichen Gründen aufgeben. 1951 ging er in die Loire-Stadt Blois, wo er vier Jahre lang Präfekt für das Departement Loire-et-Cher war. 1955 als Kommissar für Bauwesen und Städtebau nach Paris berufen wurde er 1958 Minister für Bauwesen in der zweiten Regierung de Gaulle. Seit 1962 Chef des französischen Verbandes der Industrie für Eisenbahnmaterial ist er der Vater des französischen Hochgeschwindigkeitszuges „TGV“.