Boris Pahor am 65. Jahrestag der Befreiung des KZ Mittelbau-Dora, 2010

Trauer um Boris Pahor

Slowenisch-italienischer Literat und ehemaliger Häftling des KZ Mittelbau im Alter von 108 Jahren verstorben

Mit tiefer Anteilnahme haben wir erfahren, dass Boris Pahor heute im Alter von 108 Jahren verstorben ist.

Boris Pahor, der 1913 in Triest geboren wurde, zählte zur slowenischen Minderheit Italiens, denn seine einst österreichisch-ungarische Geburtsstadt fiel 1918 an dieses Land. 1920 musste er miterleben, wie militante Faschisten das slowenische Kulturhaus in Triest niederbrannten. Zwei Jahre darauf ergriffen die Faschisten die Macht und begannen, eine Politik der Italienisierung zu verfolgen. Diese frühen Erfahrungen prägten Boris Pahor, der sich zeitlebens für slowenische Belange engagierte.

1940 wurde Boris Pahor ins italienische Militär eingezogen. Er war zuerst in der italienischen Kolonie Libyen stationiert, wo er Zeuge der brutalen Behandlung der Einheimischen durch die italienische Armee wurde. 1941 wurde er in die Lombardei versetzt, wo er als Militärübersetzer für jugoslawische Kriegsgefangene arbeitete. Gleichzeitig nahm er ein Literaturstudium an der Universität Padua auf.

Nach dem Sturz Mussolinis und dem Waffenstillstand Italiens mit den Alliierten kehrte Boris Pahor 1943 in das inzwischen von Deutschland besetzte Triest zurück. Dort schloss er sich den slowenischen Partisanen an. Im Januar 1944 jedoch wurde er verhaftet. Slowenische Kollaborateure hatten ihn verraten.

Boris Pahor wurde zuerst ins KZ Dachau verschleppt. Von dort verlegte die SS ihn ins KZ Natzweiler-Struthof und dann am 9. Dezember 1944 ins KZ Mittelbau. Dort musste er im Außenlager Harzungen aufgrund seiner Vielsprachigkeit und einer Schulung zum Pfleger in Dachau als Häftlingssanitäter arbeiten. Mit einem Räumungstransport kam Boris Pahor schließlich im April 1945 ins KZ Bergen-Belsen, wo er am 15. April 1945 befreit wurde.

Nach der Befreiung verbrachte Boris Pahor ein Jahr in einem französischen Sanatorium und kehrte dann Ende 1946 nach Triest zurück. Er schloss sein Studium ab, promovierte, gründete eine Familie und arbeitete von 1953 bis 1975 als Lehrer für italienische Literatur an einem slowenischsprachigen Gymnasium in Triest. Zusätzlich engagierte er sich politisch und veröffentlichte zahlreiche belletristische Werke in seiner Muttersprache Slowenisch. Darin verarbeitete er u.a. die Traumata der KZ-Haft, so auch in seinem bekanntesten Roman „Nekropolis“ (1967).

Aufgrund seiner kritischen Haltung gegenüber der kommunistischen Regierung in Jugoslawien blieb ihm der Zugang zu einer breiten Leserschaft lange Zeit verwehrt. Erst nach dem Zerfall des Ostblocks erreichte sein literarisches Schaffen durch Übersetzungen ins Französische, Englische und Deutsche ein internationales Publikum. Zahlreiche Auszeichnungen folgten, darunter 2001 die Nominierung für den Literaturnobelpreis.

Die KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora besuchte Boris Pahor regelmäßig. Anlässlich des 70. Jahrestags der Befreiung des Lagers hielt er 2015 eine Gedenkrede, in der er dazu aufrief, sich an den Mut spezifisch der politischen Gefangenen aus ganz Europa zu erinnern, die in den nationalsozialistischen KZs litten und starben.

Unsere Gedanken sind heute ganz besonders bei den Hinterbliebenen Boris Pahors, denen wir unser herzliches Beileid aussprechen. Uns erfüllt tiefe Trauer um den Verlust dieses charakterfesten, begabten und engagierten Menschen.