Protest gegen die Unterdrückung kritischer Geschichtskultur in Russland

Medieninformation der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora

Am 11. November 2021, erhielt die russische Menschenrechtsorganisation Memorial in Moskau die Mitteilung, dass die Generalstaatsanwaltschaft beim Obersten Gerichtshof Russlands ein „Liquidationsverfahren“ gegen sie eingeleitet hat. Memorial wertet dies als eine politische Entscheidung, die Organisation, die sich der Geschichte der politischen Unterdrückung in der Sowjetunion und der Verteidigung der Menschenrechte verschrieben hat, gezielt zu zerstören.

Jens-Christian Wagner, Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, ist erschüttert: „Memorial ist weltweit eines der besten Beispiele für eine gelungene historische Aufarbeitung von vergangenem Unrecht verschiedener Systeme. Ihre Archive und Sammlungen lassen uns verstehen, wie das sowjetische Unrechtssystem funktionierte. Ihr Eintreten für die Entschädigung sowjetischer Opfer der NS-Zwangsarbeit und für die Menschenrechte zeigt, wie historisches Verstehen einer Zivilgesellschaft in der Gegenwart Orientierung geben kann. Wir dürfen nicht wortlos hinnehmen, wie die Stimmen der Kolleginnen und Kollegen nun zum Verstummen gebracht werden sollen.“

Die Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora hat in den letzten Jahrzehnten in zahlreichen Projekten mit Memorial zusammengearbeitet: bei der Erforschung der Geschichte des sowjetischen Speziallagers Nr. 2 in Buchenwald; bei der 2012 eröffneten GULag-Ausstellung, die mit Stationen in Neuhardenberg, Weimar, Berlin, Leipzig und Schwerin die Sammlung von Memorial einem großen Publikum in Deutschland bekanntmachte; bei der Vorbereitung und Begleitung der Ausstellung über NS-Zwangsarbeit und deren Präsentation in Moskau. Noch dieses Jahr war Irina Scherbakowa anlässlich des 80. Jahrestags des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion in einer Gesprächsrunde in Weimar zu Gast. Die russische Kulturwissenschaftlerin ist seit 1999 Mitglied im wissenschaftlichen Kuratorium der Stiftung.

Die Menschrechtsorganisation Memorial wurde 1988 in Moskau gegründet und besteht heute aus über 80 eigenständigen Gruppen in Russland und anderen vorrangig postsowjetischen Staaten. Neben der sozialen Fürsorge für die Überlebenden der Arbeitslager der GULag stehen die wissenschaftliche Aufarbeitung des Stalinismus und das Eintreten für die Menschenrechte im Zentrum ihrer Arbeit. Memorial erhielt u. a. 2004 den Alternativen Nobelpreis und 2009 den Sacharow-Preis des Europäischen Parlaments.