Prof. Dr. Volkhard Knigge, Foto Claus Bach, SGBUMD

Medieninformation zum 75. Jahrestag

Stiftungsdirektor Prof. Dr. Volkhard Knigge zu den Veranstaltungen aus Anlass der 75. Jahrestage der Befreiung der KZ Buchenwald und Mittelbau-Dora am 11. April 1945 / 11. April 2020:

Am 11. April 1945 sind die Konzentrationslager Buchenwald und Mittelbau-Dora befreit worden. Aus Anlass der 75. Jahrestage der Befreiung hatte die Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora gemeinsam mit dem Freistaat Thüringen und in Verbindung mit den Städten Weimar und Nordhausen zahlreiche Veranstaltungen vorbereitet und Überlebende aus aller Welt sowie an der Befreiung beteiligte Veteranen der 3. US-Armee eingeladen. 42 Überlebende aus 14 Ländern konnten trotz ihres hohen Alters ihr Kommen zusagen.

Im Mittelpunkt der Veranstaltungen hätten ein Gedenkakt des Freistaats Thüringen im Deutschen Nationaltheater Weimar am 5. April gestanden und eine große Gedenkfeier am 7. April in der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora. Eine Lange Nacht in Kooperation mit dem Deutschen Nationaltheater Weimar am 4. April und mit Beteiligung vieler Mitwirkender aus Kultur, Kunst, Wissenschaft, Politik, Kirchen und Zivilgesellschaft hätte die Gedenkveranstaltungen eröffnet. Den Auftakt zur Langen Nacht bilden sollte eine Feier zum Beginn des Umbaus im „Gauforum“ Weimar für die dort dauerhafte Einrichtung der Ausstellung zur Zwangsarbeit im Nationalsozialismus: „Zwangsarbeit. Die Deutschen, die Zwangsarbeiter und der Krieg“. Die Schirmherrschaft über alle Veranstaltungen hatte der Ministerpräsident des Freistaats Thüringen, Bodo Ramelow, übernommen.

Wegen der Ausbreitung des Coronavirus mussten alle Veranstaltungen aus Anlass der 75. Befreiungstage abgesagt werden. Entsprechend der Allgemeinverfügungen des Freistaates und der Städte Weimar und Nordhausen sind die Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora einschließlich der ehemaligen Lagergelände, wie alle anderen Kultur- und Bildungseinrichtungen, derzeit geschlossen. Versammlungen können deshalb leider nicht stattfinden.

Auch wenn die Bekämpfung des Coronavirus im Augenblick die Tagesordnung bestimmen muss, sollen und dürfen die gegenwartsrelevante historische Erinnerung an den Nationalsozialismus und die von ihm zur Staatsräson erhobene Menschenfeindlichkeit nicht verblassen, ebenso wenig wie auch die Lehren, die nach 1945 daraus in Deutschland, Europa und der Welt gezogen worden sind. Es gilt historische Verantwortung zu wahren und Demokratie und Menschenrechte aktiv zu verteidigen – wie wichtig dies ist, erweist allein schon ein Blick auf das Erstarken des Rechtspopulismus, der antidemokratisch-autoritären Haltungen, des Nationalismus und Rassismus nicht nur in Deutschland.

Dem „Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit“ (Schwur von Buchenwald) hatten sich Überlebende des KZ Buchenwald bereits am 19. April 1945 im Rahmen der ersten Gedenkfeier für die 56.000 Toten des Lagers verpflichtet. Insgesamt sind über 72.000 Männer, Frauen und Kinder in den KZ Buchenwald und Mittelbau-Dora von den Nationalsozialisten zu Tode gebracht worden, mehr als 330.000 Menschen aus ganz Europa wurden in beide Lager und ihre Außenlager verschleppt. Ihnen würdigend zu gedenken und das Bewusstsein wach zu halten für die politischen und gesellschaftlichen Gefahren und das Leid, die rechtsradikale Ideologien in welcher Form auch immer – heute – hervorbringen, bleibt trotz des Virus unsere Aufgabe.

Die Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau und die Repräsentanten der höchsten Verfassungsorgane Thüringens haben deshalb gemeinsam mit Überlebenden, die am 5. April im Deutschen Nationaltheater gesprochen hätten, eine „Thüringer Erklärung: 75 Jahre danach – Historische Verantwortung wahren – Demokratie und Menschenrechte verteidigen“ verfasst, die am historischen Befreiungstag, dem 11. April 2020, bundesweit veröffentlicht wird. Alle Menschen guten Willens sind eingeladen, sich dieser Erklärung anzuschließen und damit auch ein Zeichen zu setzen gegen diejenigen, die vom Nationalsozialismus als „Vogelschiss“ sprechen oder eine radikale Kehrtwende der Erinnerungskultur fordern.

Veröffentlicht wird die Erklärung zusammen mit den Reden – insbesondere auch den Reden der Überlebenden – die im Rahmen des Gedenkaktes im Deutschen Nationaltheater und in der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora gehalten worden wären, auf einer eigens zu den Befreiungstagen eingerichteten Webseite: www.thueringer-erklaerung.de . Die Website ist ab dem Morgen des 11. April online und bietet auch die Möglichkeit zur Mitunterzeichnung der Erklärung. Hier finden sich zudem Statements von Überlebenden und Nachgeborenen zur fortwährenden Bedeutung der Erinnerung.

Ab Donnerstag, den 9. April 2020, erinnern außerdem Banner öffentlich an signifikanten Gebäuden und Orten in Weimar, Erfurt und Nordhausen an die Befreiungstage und ihre Bedeutung. Sie fokussieren mit Bezug auf die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ von 1948 eine zentrale Lehre und Antwort auf die Barbarei des Nationalsozialismus: alle Menschen sind gleich an Würde und Rechten geboren.

Auch wenn die Gedenkstätten und die Lagergelände geschlossen sind und mehr als zwei Menschen aus Gründen der Pandemiebekämpfung sich nicht gemeinsam in der Öffentlichkeit bewegen dürfen, sollen Einzelpersonen unter Beachtung der Regeln der Allgemeinverfügungen – insbesondere der Abstandsregeln – die Möglichkeit haben, still zu gedenken und Blumen niederzulegen. Diese Möglichkeit besteht in beiden Gedenkstätten: in Buchenwald am Lagerzaun links vom Lagertor und in Mittelbau-Dora beim Pylon am Eingang zum ehemaligen Häftlingslager.

Außerdem hat die Stiftung alle diplomatischen Vertretungen der Länder, die mit Buchenwald und Mittelbau-Dora historisch verbunden sind, sowie die demokratischen Parteien in der Bundesrepublik eingeladen, im Bereich der ehemaligen Häftlingslager bei den Denkmalen für alle Opfer Kränze niederlegen zu lassen, auch wenn bei dieser Niederlegung am 11. April jeweils nur die Gedenkstättenleiter*innen unmittelbar anwesend sein können.

Auf der Webseite zu den Befreiungstagen wird auch die Rede von Prof. Dr. José Brunner (Tel Aviv/Israel), Enkel des Buchenwaldhäftlings Maximilian Brunner, dokumentiert. Darin heißt es, ausgehend von den Täterinnen und Tätern, die nach 1945 ganz überwiegend ungestraft geblieben sind: „ …. auch von ihrer Seite aus blieb und bleibt etwas: das politische Virus des Hasses, des Rassismus in all seinen Ausprägungen, und des Autoritarismus. Wie auch immer mutiert, bedroht es weiterhin Minderheiten und sozial Schwächere. Es bedroht all die, die den politischen Nachkommen und Verwandten der Täter als fremd und als minderwertig gelten. Gegen dieses gewalttätige, zerstörerische Virus, das immer wieder zur Epidemie zu werden droht, gibt es keine Impfung. Deshalb muss man sich ihm immer wieder von neuem widersetzen. Dazu dient die Erinnerung an Buchenwald.“

Es besteht Einvernehmen mit dem Freistaat Thüringen und dem Bund als den Zuwendungsgebern der Stiftung, dass die Überlebenden, die in diesem Jahr kommen wollten, sobald dies wieder möglich sein wird, neuerlich eingeladen werden und die 76. Jahrestage der Befreiung im April 2021 wegen des Ausfalls der diesjährigen Veranstaltungen entsprechend groß und nachhaltig gestaltet werden. Dies ist ein wichtiges politisches Zeichen.

Auch wenn es ins Herz schneidet und besonders schmerzt, dass die Begegnung mit den Überlebenden nun nicht stattfinden kann, gibt die durch die Pandemie entstandene Situation jeder und jedem doch die Gelegenheit ein Zeichen zu setzen: Erinnerung und das Eintreten für Mitmenschlichkeit und Demokratie sind nicht an Jahrestage oder herausgehobene Gedenkakte gebunden. Sie haben ihren Platz im Alltag – immer und jederzeit.