Foto: Claudia Rohrauer, Wien 2018

80 Jahre nach der Deportation: Neues Online-Gedenkbuch sowie Schreiben der Namen aller Thüringer Opfer antisemitischer Verfolgung im Nationalsozialismus

am 19. September 2022 auf dem Weimarer Stéphane-Hessel-Platz

Agnes Holzmann, im Alter von 79 Jahren am 19. September 1942 von Jena nach Theresienstadt deportiert, starb dort nach wenigen Tagen den Hungertod; Erna und Leon Heilbrun flohen aus  Nordhausen nach Frankreich, gerieten dort erneut in die nationalsozialistische Verfolgung und nahmen sich 1942 im Internierungslager das Leben, um der Deportation nach Auschwitz zu entgehen; infolge der Denunziation durch Erfurter Nachbar:innen wurde Rosemarie Cohn nach Auschwitz und von dort nach Bergen-Belsen deportiert, wo sie mit 17 Jahren an Typhus starb. Diese Beispiele geben einen ersten Eindruck der Verfolgung von Jüdinnen und Juden in Thüringen während des Nationalsozialsozialismus. Hatten hier vor 1933 noch über 6.000 Menschen jüdischen Glaubens und jüdischer Herkunft gelebt, verlor bis 1945 mehr als ein Drittel von ihnen ihr Leben – mindestens 2.261 Menschen. Das zeigen jüngste Forschungen in Vorbereitung des Digitalen Gedenkbuchs auf www.juedisches-leben-thueringen.de, das seit dem 1. September 2022 online einsehbar ist. Es enthält die Namen, die Lebensdaten, den Wohnort sowie den Deportations- und Sterbeort jedes einzelnen Opfers. Dafür genutzte Daten des Bundesarchivs wurden vom Erinnerungsort Topf & Söhne gemeinsam mit lokalen Forscher:innen zur jüdischen Geschichte überprüft und ergänzt. Die Online-Bereitstellung der Daten erfolgt in Kooperation mit der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek. Das neue Angebot zur Erinnerung an die Ermordeten stellt eine wichtige Basis für die weitere Auseinandersetzung mit der jüdischen Geschichte vor Ort sowie für Thüringen insgesamt dar und kann fortlaufend aktualisiert werden.

Auf Grundlage des Gedenkbuchs erinnert am 19. September 2022 eine besondere partizipative Aktion in Weimar an alle Menschen in Thüringen, die Opfer der antisemitischen Verfolgung und Vernichtung wurden: Unter dem Titel „Schreiben gegen das Vergessen“ werden von 10.00 bis 16.00 Uhr auf dem Stéphane-Hessel-Platz ihre Namen mit weißer Schulkreide auf den Boden geschrieben. Alle Interessierten sind herzlich eingeladen, mit zu schreiben. Gedenkstätte Buchenwald, Erinnerungsort Topf & Söhne und Stadt Weimar realisieren die Aktion gemeinsam mit der renommierten Frankfurter Künstlerin Margarete Rabow sowie weiteren Partnern. Zuvor werden am 9. September auf dem Marktplatz in Meiningen und am 11. September auf dem Johannisplatz in Gera die Namen der von dort Deportierten und Ermordeten geschrieben.

Zum Mitschreiben wird um vorherige Anmeldung über https://schreiben-gegen-das-vergessen.eu/ gebeten. In Weimar werden von allen Namen mit einer analogen 16-mm-Kamera Einzelaufnahmen gemacht; es entsteht ein Film, der alle 2.261 Namen dokumentiert. Die gesamte Schreibaktion in Weimar wird online live gestreamt. Begleitend bieten verschiedene Initiativen und Institutionen zusätzliche Angebote und Informationen, darunter die ACHAVA Festspiele Thüringen, das Bürgerbündnis gegen Rechtsextremismus Weimar, die Initiative Gedenkweg Buchenwaldbahn und die Klassik Stiftung Weimar.

Nach der Wannseekonferenz Anfang 1942 fanden im Laufe des Jahres zwei erste große Deportationen statt: Am 9. Mai wurden 513 Männer, Frauen und Kinder aus 42 Orten in der Weimarer Viehauktionshalle gesammelt und von dort am nächsten Morgen in das Ghetto Bełżyce verschleppt. Nur die damals 19-jährige Laura Hillmann überlebte und konnte später berichten. Am 19. September erfolgte die Deportation von 364 Menschen aus 38 Thüringer Orten nach Theresienstadt. Nur 31 Menschen überlebten. Viele wurden später im Vernichtungslager Auschwitz ermordet, in dem das Erfurter Unternehmen J. A. Topf & Söhne Leichenverbrennungsöfen und Lüftungstechnik für die Gaskammern installiert hatte.

Online-Gedenkbuch und „Schreiben gegen das Vergessen“ werden realisiert im Rahmen eines Kooperationsprojekts des Erinnerungsortes Topf & Söhne, der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek, der Landeszentrale für politische Bildung und der Künstlerin Margarete Rabow. Es wird gefördert vom Thüringer Ministerium für Bildung, Jugend und Sport im Rahmen des Thüringer Landesprogramms für Demokratie, Toleranz und Weltoffenheit „Denk Bunt“.

Den ausführlichen Flyer zum Projekt finden Sie hier.