Mittelbau-Dora

Die Erinnerung an das Konzentrationslager im deutsch-deutschen Grenzbereich nach 1945

Jens-Christian Wagner

»Wir haben nichts gewusst von alledem, was im Kohnstein und Lager Dora geschah!‘ So sagen alle die, die man jetzt verantwortlich macht für die Folgen des Naziregimes. Wer aber so etwas sagt, der lügt! Jeder hat doch jeden Morgen und jeden Abend den Gleichschritt der Zebrakolonnen durch die Stadt Nordhausen gehört. Da hat wohl jeder einmal nach ihnen geschaut und wird gesehen haben die dahinschleichenden Männer mit den blassen Gesichtern, die von schwer bewaffneter SS begleitet wurden. Wie oft ist da ein Auto durch die Unterstadt in Richtung Weimar gefahren, vollgepfropft mit Toten, die nach Buchenwald ins Krematorium kamen. [...] Ich könnte noch mehrere solcher Beispiele anführen. Sie beweisen, dass wir vom Lager Dora und seinen Zwangsbewohnern etwas gewusst haben! Wir haben den Dingen dort ihren Lauf gelassen, haben nicht gewagt, dagegen zu löcken. Wir sind verantwortlich für das, was dort geschehen ist.«

»Fakten nur mit Zustimmung d[es]. Gen[ossen]. Pelny verarbeiten«, steht handschriftlich auf dem Deckblatt dieses in der Dokumentationsstelle der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora aufbewahrten Berichtes, den der Nordhäuser Lehrer Fritz Güntsche im Jahr 1951 verfasste. Kurt Pelny war bis 1989 Leiter der "Mahn- und Gedenkstätte Mittelbau-Dora". Der im Auszug zitierte Text ist ein Einzelfall. Er offenbart jedoch zweierlei: Zum einen wird deutlich, welch detaillierte Sachkenntnis ein Zuschauer über das Lagersystem vor Ort hatte, selbst wenn er nicht persönlich mit Häftlingen zusammengearbeitet hat oder auf andere Weise direkt involviert war; und zum anderen zeigt sich, auf welche Abwehrhaltungen die genaue Lokalisierung und Benennung der Tat auch in der DDR stieß. Im Grunde, so scheint es, waren die erinnerungskulturellen Wahrnehmungsmuster der NS-Verbrechen in Ost und West gar nicht so unterschiedlich. Beide knüpften an Deutungsangebote an, die bereits von der NS-Propaganda präsentiert worden waren und die Verbrechen an abgelegene Orte delegierten und damit die ihre Wahrnehmung gleichsam exterritorialisierten. Die Tat war jedoch nahezu überall präsent gewesen, nicht zuletzt als Folge des verzweigten Lagersystems, das in den letzten Kriegsjahren in die (Mit-)Tätergesellschaft hineindiffundierte: Den Südharz überzog gegen Kriegsende ein Netz von etwa 40 Lagern des KZ Mittelbau-Dora. Mit den Verbrechen waren auch die Täter allgegenwärtig, mehr noch: Sie waren eng eingebunden in das soziale Gefüge der Region.

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