Medieninformation 31.3.2021

76. Jahrestag der Befreiung der Konzentrationslager Buchenwald und Mittelbau-Dora

Der runde 75. Jahrestag der Befreiung musste im vergangenen Jahr wegen der Corona-Pandemie kurzfristig abgesagt werden. Die Hoffnung, ihn 2021 nachholen zu können, war trügerisch: Auch in diesem Jahr verhindert die Pandemie Präsenzveranstaltungen.

Doch im Unterschied zu 2020 konnten diesmal im digitalen Raum – auf dem Onlineportal liberation.buchenwald.de | liberation.dora.de – Angebote vorbereitet werden, die es den Überlebenden in allen Teilen der Welt, ihren Angehörigen und der Öffentlichkeit ermöglichen, den 76. Jahrestag zu begehen.

Im Zentrum steht das Gedenken im Deutschen Nationaltheater Weimar, das am 11. April um 11 Uhr in fünf Sprachen live übertragen wird. Zum ihm laden Bodo Ramelow, Ministerpräsident des Freistaats Thüringen, Birgit Keller, Präsidentin des Thüringer Landtags und der Stiftungsdirektor Jens-Christian Wagner gemeinsam ein. Die Gedenkrede hält Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und unterstreicht damit die Bedeutung der Erinnerung an die nationalsozialistischen Lager.

Als Überlebende der Konzentrationslager Buchenwald und Mittelbau-Dora werden Éva Fahidi-Pusztai (Budapest) und Alex Hacker (Toronto) das Wort ergreifen. Zur Zukunft der Erinnerung sprechen Christine Lieberknecht, stellvertretende Vorsitzende von „Gegen Vergessen – Für Demokratie e. V.“ und Katharina Friedek, Vorsitzende von „Jugend für Dora e. V.“

Benjamin-Immanuel Hoff, Vorsitzender des Stiftungsrates, betont: „Der Freistaat ist sich seiner historischen Verantwortung bewusst. Wir sind den Überlebenden dankbar für das, was von ihnen an Versöhnung, Verständigung und Aufklärung geleistet wurde. Wir werden diese Arbeit fortführen. Auch aus diesem Grund hat die Stiftung alle Kraft darein gesetzt, neue Formen der Erinnerung und Auseinandersetzung zu entwickeln.“

Birgit Keller, die auf den ebenfalls live übertragenen Kranzniederlegungen am 11. und 12. April in den Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora Worte des Gedenkens sprechen wird, führt aus: „Das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus bleibt ein zentraler Bestandteil unserer Erinnerungskultur und unserer Identität. Die Pandemie verhindert leider, dass wir Arm in Arm mit den Überlebenden auf dem Appellplatz stehen können. Dennoch werden wir gemeinsam die klare Botschaft senden, dass wir niemals vergessen und Antisemitismus und Rassismus niemals einen Platz in unserer Gesellschaft haben werden.“

Jens-Christian Wagner erläutert das weitere Programm des Jahrestages: „Wir wollen einen Jahrestag der Befreiung veranstalten, der nicht von Ritualen und Pathos geprägt ist, sondern zum Nachdenken anregt – etwa darüber, was aus den Hoffnungen der Überlebenden von 1945 auf eine friedliche, humane, einige und demokratische Welt ohne Rassismus und Antisemitismus geworden ist. Nachdenken braucht Wissen und Diskurs. Aus diesem Grund haben wir mit unseren Kooperationspartnern ein breites digitales und teils auch analoges Veranstaltungsprogramm aufgestellt, das künstlerische Interventionen im öffentlichen Raum, Sonderausstellungen, Lesungen, Filmvorstellungen sowie Vortrags- und Diskussionsveranstaltungen umfasst und sich bis in den Sommer 2021 zieht. Auch wenn die persönliche Begegnung unersetzbar ist, sind unsere vielfältigen Angebote im öffentlichen Raum – seien sie real oder digital auf unserem Onlineportal – nun breiter zugänglich und nachhaltiger verfügbar.“

Zu den Kooperationsprojekten in Weimar, Nordhausen und im digitalen Raum gehören:

„Verschwindende Wand – mit Botschaften, die bleiben“
Eine Kooperation mit dem Goethe-Institut

Literarische Performance „Wolke und Walzer“ nach Ferdinand Peroutka
Eine Kooperation mit dem Deutschen Nationaltheater Weimar

Ausstellung „Haut, Stein“ von Jakob Ganslmeier in Weimar und Nordhausen
Eine Kooperation mit Exit-Deutschland

Film- und Gesprächsreihe
Eine Kooperation mit dem Kino mon ami und dem Deutschen Volkshochschul-Verband

Über alle Projekte finden Sie ausführliche Informationen und Statements in den Pressematerialien. Darin finden Sie auch weitere Erläuterungen zu den anlässlich des Jahrestages auf dem Onlineportal liberation.buchenwald.de | liberation.dora.de publizierten Blogs, Social-Media-Kampagnen und Online-Ausstellungen. Die „Reflexionen“, das neue Jahresmagazin der Stiftung, werden dort ebenfalls vorgestellt. 

Historische Hintergründe zur Befreiung der KZ Buchenwald und Mittelbau-Dora
Als am 11. April 1945 Soldaten der 3. US-Armee ab 11 Uhr den Ettersberg bei Weimar erreichten, begannen die noch verbliebenen SS-Wachmannschaften nach Gefechten mit der US-Armee zu fliehen. Gegen 15 Uhr übernahmen Widerstandsgruppen politischer Häftlinge die Kontrolle über das weitgehend intakte Lager mit etwa 21.000 überlebenden Häftlingen. Am 19. April 1945 organisierten ehemalige politische Häftlinge die erste Gedenkfeier für die Ermordeten und unter den Bedingungen des Lagers Gestorbenen. Die dabei in mehreren Sprachen verlesene Erklärung endete mit dem „Schwur von Buchenwald“: „Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel“.

Zuvor hatte die SS noch bis in die frühen Morgenstunden des 11. April Häftlinge auf Todesmärsche getrieben. Insgesamt hatte die SS von der Gründung des Lagers im Juli 1937 bis zur Befreiung dort mehr als 275.000 Menschen aus über 50 Ländern gefangen gehalten. Etwa 56.000 Menschen wurden in Buchenwald und seinen 139 Außenlagern von der SS ermordet oder fanden infolge schlechter Lebensbedingungen, durch Hunger und Krankheiten den Tod.

Das KZ Mittelbau-Dora hatten die SS-Wachmannschaften vor dem Eintreffen der US-Armee noch weitgehend geräumt. Im Hauptlager Dora und in einem Außenlager in der Nordhäuser Boelcke-Kaserne konnten amerikanische Soldaten am 11. April 1945 lediglich einige Hundert von der SS zurückgelassene kranke und entkräftete Häftlinge befreien. Die meisten Häftlinge waren zuvor von der SS in großer Eile auf Todesmärsche getrieben worden, während derer noch kurz vor Kriegsende Tausende Menschen ums Leben kamen. Insgesamt wurden von August 1943 bis März 1945 etwa 60.000 Häftlinge in die Mittelbau-Lager verschleppt. Mindestens 20.000 von ihnen starben.

Rikola-Gunnar Lüttgenau
Leiter Strategische Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit
Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora
Fon: 0172 5233945
Mail: rluettgenau@buchenwald.de