Die sowjetischen Speziallager in der SBZ in Film, Fernsehen und auf Video

Finanzierung: Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und DEFA-Stiftung

Projektbearbeiter: Dr. Günter Agde


Von Beginn ihrer Errichtung an wurde über die sowjetischen Speziallager des NKWD in der deutschen Öffentlichkeit außerordentlich lebhaft diskutiert. Die Reflexionen blieben auf die deutschen Printmedien begrenzt und wurden in Ost und West kontrovers ausgetragen. Filmaufnahmen der Speziallager – auch von Amateuren – sind nicht überliefert. Und nur wenige Filmaufnahmen entstanden, als die Lager 1950 aufgelöst wurden. DDR-offizielle Wochenschau-Aufnahmen von der Entlassung demonstrierten die "Großmut" der sowjetischen Seite und die Lernfähigkeit der ehemaligen Internierten, BRD-Wochenschau-Aufnahmen von Kundgebungen mit ehemaligen Internierten klagten Willkür und Barbarei der sowjetischen Besatzungsmacht an. Beide Seiten instrumentalisierten die Sujets für ihre aktuellen propagandistischen Zwecke im Kalten Krieg.

In den folgenden Jahren wurde die Auseinandersetzung mit dem Thema zu einer Art Stellvertreter-Diskussion modelliert, indem sie auf die Kriegsgefangenen-Problematik verlagert wurde.
Das Schicksal deutscher Kriegsgefangener nach 1945 in der Sowjetunion erschien so visualisiert, dass auch die Speziallager-Problematik assoziiert werden konnte. Die DDR-Sicht auf Kriegsgefangene wurde grundsätzlich als Umerziehungs- und Wandlungsthema gestaltet. (Hier wirkte die Tabuisierungs- und Verdrängungsstrategie der DDR im Umgang mit heiklen Kapiteln ihrer Geschichte weiter.) Zwischenzeitlich erfuhr die Thematik eine kurze mediale Konjunktur in westdeutschen Wochenschauen, als nach dem Moskau-Besuch Adenauers zahlreiche Kriegsgefangene nach Deutschland zurückkehrten. Dann verschwand die filmische Auseinandersetzung mit dem Thema aus dem öffentlichen und medialen Interesse.

Mit der Wende 1989/90 setzte ein radikaler Wandel ein. Nun konnte in der ehemaligen DDR offen über die Speziallager mit allen ihren Nuancierungen gesprochen werden, was auch geschah. Diese Öffnung initiierte eine Wiederbelebung der Debatte in der Bundesrepublik, die sich dann im wiedervereinigten Deutschland fortsetzte.

Die seit Ende der 80er Jahre erheblich angewachsenen Mittel massenmedialer Gestaltungen und ihre totale Zugänglichkeit griffen die Speziallager-Problematik und deren Enttabuisierung auf. Die schier grenzenlosen Möglichkeiten von Videoaufnahmen mit jedermann zu jeder Zeit und an jedem Ort und die Vielfalt und -zahl der Fernsehanstalten, also quasi eine mediale Unendlichkeit, schufen eine neue Öffentlichkeit, die sich gerade auf dies Thema konzentrierte. Flankiert wurde diese Entwicklung durch diverse Publikationen und neue Forschungsergebnisse. Einen erheblichen Raum nahmen private Videofilme ein.

Die mediale Flut häufte eine Fülle von Filmbild-Material an, das im Einzelnen nach Substanz, Aussagewert, Persönlichkeitsdarstellung, Produzenten und Adressaten außerordentlich divergiert. Privatvideos fungieren dabei zumeist als individuelle Erinnerungs- und Gedenkinstrumente, mit denen "Ehemalige" an Orten des Geschehens ihr sehr persönliches Zeugnis filmisch "dingfest" machen.

Die Summe aller dieser Filme stellt einen großen, wenngleich heterogenen Schatz an visualisierten historisch-politischen Erkundungen über ein außerordentlich sensibles Thema dar. Zugleich bildet diese Medialisierung den Prozess der gesamtdeutschen öffentlichen Annäherung an das Thema nach.

Eine deutschlandweite Recherche soll alle relevanten Filme und Fernsehfilme erfassen und ihre filmografischen Daten, Standorte, Beschaffenheiten und Zugriffsmöglichkeiten für Nutzer festhalten. Amateurarbeiten werden, soweit zugänglich, ausdrücklich eingeschlossen.

Die Ergebnisse der Recherche werden als wissenschaftliche Quellensammlung in einer Datenbank angelegt. (Dass dabei alle persönlichkeitsrechtlichen Regelungen ebenso eingehalten wie Takt und Sensibilität gegenüber Zeitzeugen beachtet werden, versteht sich von selbst.)