Die Debatte um die sowjetischen Speziallager in der Öffentlichkeit 1945–1961

Finanzierung: Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora und Stiftung Ettersberg zur vergleichenden Erforschung europäischer Diktaturen und ihrer Überwindung

Projektbearbeiter: Dr. Wolfram von Scheliha


Als im Frühjahr 1990 in Presse, Funk und Fernsehen über die Entdeckung von Massengräbern in Fünfeichen, Buchenwald, Sachsenhausen und anderen Standorten der sowjetischen Speziallager in Deutschland (1945–1950) berichtet wurde, war die deutsche Öffentlichkeit in Ost und West entsetzt. Nur Wenige hatten je von der Existenz dieser "Schweigelager" und vom Massensterben der Häftlinge gehört. Verschwiegen, vergessen, verdrängt – dies schien aus der Sicht des Jahres 1990 die öffentliche Wahrnehmung der Speziallager gewesen zu sein.

In der Publizistik der Nachkriegszeit war das Thema jedoch keineswegs ein Tabu. Phasenweise berichteten Zeitungen, Rundfunkanstalten und Wochenschauen nicht nur in Ost- und Westdeutschland, sondern auch in den USA, Großbritannien und Schweden nahezu täglich über die Lager. Die besondere Situation Berlins brachte es zudem mit sich, dass die in den Westsektoren gedruckten Zeitungen auch im Ostteil und im Umland der Stadt bis 1948 frei und danach eingeschränkt erhältlich waren. Die sowjetische Besatzungsmacht, die eine strikte Gleichschaltung der Presse gewöhnt war, sah sich nun einer bedingt pluralistischen Presselandschaft gegenüber und musste, schon um nicht vollends das Vertrauen der Bevölkerung in der eigenen Besatzungszone zu verlieren, darauf reagieren.

Die Berichterstattung über "Massenverhaftungen", "Verschleppungen" und die "sowjetischen Konzentrationslager" setzte im Frühjahr 1946 ein, als sich das Verhältnis der Kriegsalliierten deutlich abzukühlen begann. Auf Vorwürfe reagierte die andere Seite mit Gegenvorwürfen, denen wiederum neue Anschuldigungen folgten. Schon bald war ein regelrechter Pressekrieg im Gange, in dem die Speziallager-Thematik eine zentrale Rolle spielte: Die Speziallager wurden zum Sinnbild für das sowjetische Unrechtssystem.

Schwerpunkt des Forschungsprojektes ist die Sammlung und Erschließung von Zeitungsartikeln, die zwischen 1945 und 1961 zum Thema "Speziallager" in der nationalen und der internationalen Presse erschienen sind. Darüber hinaus wird nach einschlägigem Archivmaterial recherchiert, das Aufschluss über die Presse- und Propagandapolitik der beteiligten Akteure gibt.