image

Foto: Peter Hansen

Aschenputtel

Fresko von Georges Sanchidrian, 1944/45.

image

Georges Sanchidrian

mit seiner Ehefrau Léoncia, 1938.

image

Tanguy Tolita-Croissant

vor seiner Verhaftung, um 1943.

image

Foto: Peter Hansen

Flusslandschaft

Fresko von Tanguy Tolila-Croissant, Herbst 1944.

image

Fresken-Block

Block 4, aus dem die Fresken stammen, nach 1945. Im Hintergrund ist das Lagerkrematorium zu sehen.

image

Foto: Georges Angéli

Blockbesichtigung

Französische KZ-Überlebende und deren Angehörige bei einer Besichtigung vor dem ehemaligen Block 4, aus dem die Fresken stammen, September 1951.

image

Foto: Georges Angéli

Fresken 1951

Die Gipsfresken im Originalzustand in Block 4. Das Foto machte der Buchenwald-Überlebende Georges Angéli 1951 anlässlich einer Reise eines französischen Häftlingsverbandes nach Ellrich.

image

Abriss

Block 4 des ehemaligen Lagers Ellrich-Juliushütte nach dem Abriss durch DDR-Grenztruppen, 1958/59.

Fresken aus Ellrich - Wiederentdeckte Zeichnungen französischer KZ-Häftlinge

Über 50 Jahre galten sie als verschollen, nun sind sie in der Gedenkstätte Buchenwald zu sehen: Wandzeichnungen aus dem Außenlager Ellrich-Juliushütte des Konzentrationslagers Mittelbau-Dora. Die 1944/45 von französischen Häftlingen gefertigten Bilder waren nach ihrer Wiederentdeckung 2009 in einem Berliner Museumsdepot seit April 2010 in der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora erstmals der Öffentlichkeit präsentiert worden.

In Ellrich, einer kleinen Fachwerkstadt an der Grenze zwischen Thüringen und Niedersachsen, befand sich im letzten Kriegsjahr eines der grauenhaftesten Außenlager des KZ Mittelbau-Dora. 4000 Menschen aus allen Teilen Europas fanden hier den Tod.

Die Ausstellung bringt außergewöhnliche Spuren des Häftlingsdaseins in Ellrich zurück. Erinnert wird damit an ein fast vergessenes Lager, dessen Gelände nach 1945 durch die innerdeutsche Grenze geteilt war und dessen Relikte auf beiden Seiten mutwillig zerstört wurden.

Die Fresken und ihre Maler

In starkem Gegensatz zum Elend und Massensterben im Lager Ellrich standen die Motive der erhaltenen Wandbilder. Vier großformatige Fresken zeigen Szenen aus dem Märchen "Aschenputtel". Es handelt sich um Fragmente eines Gemäldes, das ursprünglich eine ganze Wand in einer Häftlingsunterkunft bedeckte. Auf einem weiteren Fresko ist eine mediterrane Flusslandschaft zu sehen. Nach Berichten Überlebender hat der deutsche Blockälteste, ein von der SS eingesetzter Funktionshäftling, die Wandzeichnungen anbringen lassen.

Solche Wandbilder in Häftlingsunterkünften oder anderen KZ-Gebäuden waren nicht unüblich. Meistens zeigten die Gemälde Motive, die eine gedankliche Flucht aus der grausamen Lagerrealität ermöglichten, oft Karikaturen oder – wie im Falle der Ellricher Fresken – Märchenszenen. Mit der Ausführung wurden künstlerisch begabte Häftlinge beauftragt, die dafür kurzzeitig von der mörderischen Zwangsarbeit in den Baukommandos freigestellt wurden. Die Ellricher Fresken stammen von den Franzosen Georges Sanchidrian und Tanguy Tolila-Croissant. Beide überlebten die Deportation nach Ellrich-Juliushütte nicht.

Der Franzose Georges Sanchidrian wurde 1905 im heutigen Algerien geboren. 1927 schloss er an der Pariser Elite-Militärfachhochschule École Polytechnique ein Studium als Funktechniker ab. Nach dem deutschen Einmarsch in Südfrankreich im November 1942 schloss er sich der Résistance an und kämpfte im Untergrund gegen die deutschen Besatzer. 1944 wurde Sanchidrian von der Gestapo in Paris verhaftet und im August 1944 in das KZ Buchenwald eingewiesen. Von dort überstellte ihn die SS bald nach Ellrich-Juliushütte, wo er schwerste Zwangsarbeit in Bauprojekten verrichten musste. Er starb vermutlich am 10. April 1945 auf einem Todesmarsch von Ellrich in das KZ Sachsenhausen.

Tanguy Tolila-Croissant wurde 1925 in Paris geboren. Nach der Schulausbildung begann er ein Kunststudium an der renommierten Pariser École Nationale Supérieure des Beaux-Arts. Im Sommer 1944 wurde er wegen Widerstandes gegen die deutschen Besatzer verhaftet und über das KZ Buchenwald nach Ellrich-Juliushütte deportiert. Die harten Arbeitsbedingungen in den Baukommandos ließen die Kräfte des jungen Mannes schnell schwinden. Trotzdem konnte er noch einige Wände in seinem Unterkunftsblock mit Zeichnungen versehen. Von ihm stammt das wiederentdeckte Landschafts-Fresko. Am 30. Dezember 1944 starb er im Alter von nur 19 Jahren an den Folgen der Zwangsarbeit und einer Ruhr-Erkrankung.

Das KZ-Außenlager Ellrich-Juliushütte

Das Lager mit dem Tarnnamen „Erich“ wurde Anfang Mai 1944 in stillgelegten Gipsfabriken am Bahnhof der Kleinstadt Ellrich eingerichtet. Die SS brachte durchschnittlich 8000 Häftlinge völlig improvisiert in Schuppen und halb verfallenen Fabrikgebäuden unter. Sanitäre Anlagen gab es kaum; die Gebäude waren ständig überbelegt. Unter den Insassen des KZ Mittelbau-Dora war Ellrich-Juliushütte als Todeslager gefürchtet. Die Häftlinge kamen aus allen Teilen Europas, mehr als 4000 von ihnen überlebten die Deportation nach Ellrich nicht. Sie wurden Opfer von unmenschlicher Zwangsarbeit, Hunger, Seuchen und Misshandlungen durch SS, Wehrmacht und zivile Vorarbeiter.

Nach dem Krieg durchschnitt die innerdeutsche Grenze das Lagergelände. Auf östlicher Seite ließen DDR-Behörden im Zuge des Grenzausbaus bereits ab 1952 Teile des ehemaligen Lagers schleifen. Dem Abbruch fielen auch die meisten Wandzeichnungen in den ehemaligen Häftlingsunterkünften zum Opfer.

Die auf westlicher Seite gelegenen Teile des ehemaligen KZ-Außenlagers galten vor Ort als „Schandfleck“. 1964 sprengte der Bundesgrenzschutz die verbliebenen Gebäude. Auch das teilweise erhaltene Krematorium wurde zerstört. Später erklärten niedersächsische Behörden das Gelände zum Naturschutzgebiet.

Von den Fresken waren nur Fragmente aus "Block 4" gerettet worden. Sie wurden in das Ostberliner Museum für deutsche Geschichte (heute: Deutsches Historisches Museum, DHM) gebracht. Ihre Überlieferungsgeschichte geriet jedoch bald in Vergessenheit; über Jahrzehnte galten sie als verschollen. Erst 2009 führten Recherchen zur Ellricher Lagergeschichte zur Wiederentdeckung der Fresken. Für die Ausstellung stellte das DHM die Wandbilder als Leihgabe zur Verfügung.

Das ehemalige Lagergelände ist erst seit dem Ende der DDR wieder vollständig zugänglich. Seit einigen Jahren wird es als Gedenkort erschlossen.

Sonderausstellung in der Gedenkstätte Buchenwald,
Kunstausstellung (Keller der ehemaligen Desinfektion)
5. September 2011 bis 29. Januar 2012