Klaus Trostorff (links) im Gespräch mit seinen ehemaligen Mithäftlingen Ottomar Rothmann und Günter Pappenheim am 10. April 2015 in Weimar anlässlich des 70. Jahrestags der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald. Foto: Peter Hansen, Sammlung Gedenkstätte Buchenwald

Erinnerung an Klaus Trostorff

Am 12. November 2020 wäre der ehemalige Häftling des Konzentrationslagers und langjährige Direktor der Gedenkstätte Buchenwald 100 Jahre alt geworden.

„Lasst Euch mal was einfallen“ – dazu forderte Klaus Trostorff Mitarbeiter*innen der Nationalen Mahn- und Gedenkstätte Buchenwald (NMGB) auf, die sich mit Fragen und Problemen an ihn wandten. Unter den Bedingungen der staatlichen Planwirtschaft setzte er damit auf eine Stärkung der Eigenverantwortung. Auch sonst agierte der ehemalige Buchenwald-Häftling als Direktor an dem Traditionsort des DDR-Antifaschismus nicht selten unkonventionell. Zwar blieb das von der Gedenkstätte öffentlich repräsentierte Buchenwald-Narrativ seit Ende der 1950er Jahre in den großen Linien festgelegt; gleichzeitig beförderte Klaus Trostorff durch den institutionellen Ausbau und die fachliche Professionalisierung der Gedenkstätte seit Ende der 1960er Jahre nicht zuletzt auch eine differenzierte Sicht auf die Buchenwald-Geschichte.

Klaus Trostorff wurde am 12. November 1920 in Breslau als Sohn der Kindergärtnerin Margot, geborene Friedländer und des Zimmermanns und späteren Opernsängers Fritz Trostorff geboren. Der Vater war Katholik, die Mutter Jüdin und gehörte der SPD an. Er wuchs in einem weltoffenen Elternhaus auf. Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme im Januar 1933 litt die Familie unter der Verfolgung der jüdischen Bevölkerung. Klaus Trostorff musste die Schule vor Abschluss des Abiturs verlassen und ging bei einem jüdischen Kaufmann in die Lehre. Anfang 1940 wurde er zu Gleisbauarbeiten dienstverpflichtet. Wegen der Verbreitung von Nachrichten der Alliierten über die Hintergründe des Krieges verhaftete ihn am 28. Oktober 1943 die Gestapo. Nach sechsmonatiger Haft in Breslau lieferte sie Klaus Trostorff am 21. April 1944 als politischen Häftling („Mischling I. Grades“) in das Konzentrationslager Buchenwald ein, wo er fortan die Nummer 1819 tragen musste. Er kam zunächst in den Quarantäneblock 63 im „Kleinen Lager“, drei Wochen später in den Block 1 des sowjetischen Kriegsgefangenenlagers, zusätzlich mit Strafverschärfung musste er im Entwässerungskommando arbeiten. Ab dem 31. Oktober erfolgte seine Versetzung zum etwas leichteren Kommando Baulagerwerkstätten. Am 11. April 1945 befreit, leistete Klaus Trostorff bei der Trauerfeier am 19. April auf dem Appellplatz gemeinsam mit anderen Überlebenden den „Schwur von Buchenwald“, der sein weiteres Leben bestimmen sollte.

Ende Mai 1945 verließ Klaus Trostorff Buchenwald mit der Gruppe der Schlesier und erreichte im Juni Breslau. Aus seiner Familie waren nur noch der Bruder und die Mutter am Leben. Gemeinsam mit ihr ging Klaus Trostorff im August nach Erfurt, wo er Mitglied der KPD, später der SED wurde und die Freie Deutsche Jugend (FDJ) der Stadt mitgründete. Auf Beschluss der SED-Landesleitung besuchte er einen Neulehrerkurs und arbeitete seit 1947 als Lehrer an Erfurter Schulen. Aus der Ehe mit seiner Frau Gisela gingen drei Söhne hervor. 1948 bis 1950 studierte Klaus Trostorff an der Friedrich-Schiller-Universität Jena Rechts- und Gesellschaftswissenschaften. In den folgenden Jahren war er als politischer Mitarbeiter der Landesleitung bzw. der Bezirksleitung der SED und als Kommunalpolitiker in Erfurt tätig, zuletzt als Bürgermeister.

Am 1. September 1969 berief der Kulturminister der DDR Klaus Trostorff zum Direktor der Nationalen Mahn- und Gedenkstätte Buchenwald, deren weiterer Institutionalisierung er sich fortan mit großem persönlichem Engagement widmete. Unter seiner Ägide und unterstützt von Walter Bartel, dem Nestor der Buchenwald-Geschichtsschreibung in der DDR, entstanden seit 1971 das Archiv und die Wissenschaftliche Abteilung der Gedenkstätte. Seit 1972 erschienen bis 1989 vierteljährlich die „Buchenwald-Informationen“ für ehemalige Häftlinge über die Aktivitäten der NMGB, ab 1976 die „Buchenwald-Hefte“ mit Forschungsbeiträgen von Mitarbeiter*innen. 1974 holte Klaus Trostorff seinen ehemaligen Mithäftling Ottomar Rothmann an die Gedenkstätte, der Aufbau und Leitung der Pädagogischen Abteilung übernahm; bei der Besucherbetreuung lösten nunmehr ausgebildete Pädagogen nach und nach die ehemaligen Häftlinge ab.

Ebenfalls seit den 1970er Jahren entwickelte sich die Sammlung und Präsentation von Kunstwerken aus dem Lager zu einem Schwerpunkt der Gedenkstättenarbeit in Buchenwald. Die im April 1975 in Weimar eröffnete Internationale Kunstausstellung „Lebenswille hinter Stacheldraht“ wurde im selben Jahr in der Gedenkstätte Terezín in der Tschechoslowakei gezeigt. Ab 1983 entstand in der NMGB ein eigenständiger Sammlungsbereich zur Kunst aus und zu den Konzentrationslagern. Die von der Wissenschaftlichen Abteilung erarbeitete neue historische Dauerausstellung zum KZ Buchenwald wurde 1985 im ehemaligen Kammergebäude eröffnet, das zuvor als Getreidespeicher genutzt worden war.

Ab Ende der 1970er Jahre verstärkten sich der Austausch und die Vernetzung mit anderen Gedenkstätten im In- und Ausland. Dass sich die NMGB seit Mitte der 1980er Jahre unter Klaus Trostorffs Leitung auch international stärker öffnete, kam unter anderem in der kontinuierlichen Zusammenarbeit mit der „Aktion Sühnezeichen Friedensdienste“ zum Ausdruck. Gleichzeitig musste die bisherige Gedenkstättenarbeit punktuell infrage gestellt werden, weil festzustellen war, dass zunehmend weniger Jugendliche von der Gedenkstätte und den überkommenen Ritualen der Erinnerung tatsächlich erreicht wurden. Anfang 1989 beauftragte die NMGB das Zentralinstitut für Jugendforschung in Leipzig mit einer „Wirkungsanalyse“ des Gedenkstättenbesuchs.

Durch die NMGB weiterhin nicht thematisierte blieb die Geschichte des sowjetischen Speziallagers Nr. 2. Zwar wurde dessen Existenz nicht grundsätzlich geleugnet; seine stereotype Charakterisierung als gewöhnliches Internierungslager für Nazi- und Kriegsverbrecher sollte aber eine Beschäftigung mit seiner Geschichte als obsolet und als ungerechtfertigten Affront gegenüber den KZ-Häftlingen erscheinen lassen.

Am 31. August 1989 wurde Klaus Trostorff durch den Kulturminister der DDR in den Ruhestand verabschiedet. Auch danach blieb er bis zuletzt für die Erinnerung an die nationalsozialistischen Menschheitsverbrechen aktiv und stand im Rahmen seiner gesundheitlichen Möglichkeiten für Nachfragen und Zeitzeugengespräche zur Verfügung. Noch im April 2015 nahm er – fast 95jährig – in Buchenwald an den Gedenkfeiern zum 70. Jahrestag der Befreiung teil. Am 7. August verstarb er in Erfurt.