Gedenkveranstaltung am 9. November 2018, Foto Janos Varga, SGBUMD

"Keine bessere Zukunft ohne kritische Auseinandersetzung mit der historischen Erfahrung!"

Ansprache von Stephan J. Kramer, Präsident des Amtes für Verfassungsschutz Thüringen, auf der Gedenkfeier zum Novemberpogrom 1938

Am 9. November 2018 wurde auf einer Gedenkfeier am historischen Ort des jüdischen Sonderlagers an die 9.845 nach Buchenwald verschleppten jüdischen Männer erinnert.

Nach einem Grußwort des thüringischen Ministerpräsidenten Bodo Ramelow betonte Stephan J. Kramer in seiner Ansprache die "Notwendigkeit, an die Untaten der nationalsozialistischen Mormaschinerie zu erinnern und deren Opfer zu gedenken.

Es ist nämlich so, wie wir wissen, dass das Gedenken an die Opfer und die Mahnung an die Nachgeborenen in unserem Land immer deutlicher – genauer gesagt: immer unverschämter – in Frage gestellt, als unnötig, gar als schädlich abgetan wird. Einige Stimmen vernehmen wir in aller Öffentlichkeit, so etwa, wenn eine erinnerungspolitische Kehrtwende um 180 Grad verlangt oder wenn die NS-Zeit als ein – verzeihen Sie das Wort, aber man kann nicht zitieren ohne zu zitieren – „Vogelschiss“ bezeichnet wird. Da wird die Vergangenheitsbewältigung in Publikationen als „Mittel zum Zweck der politischen Gängelung und Paralyse“ unserer nationalen Identität, ja als „Neurotisierung“ unseres Volkes durch die Siegermächte bezeichnet. [...]

So entsteht ein Spektrum des Schönredens, der Selbstgerechtigkeit, der Scheinheiligkeit – kurzum ein toxisches Gemisch, das unsere Gesellschaft vergiften will und zum Teil in der Tat vergiftet. Aus diesem Grund halte ich es für unerlässlich, an diesem Tag und an diesem Ort ohne Wenn und Aber zu sagen: Das Gedenken an Opfer des NS-Regimes ist und bleibt ein existentieller Bestandteil unseres demokratischen Selbstverständnisses in unserer freien Gesellschaft. Erinnerungsarbeit ist keine Belastung oder historische Hypothek sondern eine Herausforderung die von Generation zu Generation weitergegeben werden muss, die ein innerer Kompass zur Verteidigung der Menschenwürde und unserer Freiheit ist. [...]

Das Gedenken ist Bestandteil unserer freiheitlichen demokratischen Grundordnung. Indem wir an das dunkelste Kapitel der Geschichte erinnern, führen wir uns selbst vor Augen, dass jegliches Abgleiten in Demokratiefeindlichkeit, Fremdenhass oder Rassismus gefährlich ist. Wir wissen wo das hinführt. Und es ist ja nicht so, dass das Unannehmbare erst dann beginnt, wenn die Situation Nazi-Ausmaße erreicht. Die No-Go-Zone einer Demokratie beginnt viel früher und nicht erst bei einer vollausgewachsenen Diktatur. Sie fängt dort an, wo der Respekt – nicht bloße Toleranz - vor dem Mitmenschen aufhört, dort, wo die Grundwerte der Demokratie und der Rechtsstaatlichkeit in Frage gestellt werden.

Und es ist kein Zufall, dass die rechtspopulistischen und rechtsextremen Verweigerer des Gedenkens uns in diese Zone führen wollen. Was ihnen nicht ins Konzept passt, leugnen sie, machen sie lächerlich, überziehen es mit Verachtung, wollen es verbieten. Ihr mit Argumenten aus der Rüstkammer des Rassismus untermauerter Ethnozentrismus widerspricht dem Gedanken der Gleichheit, der Pluralität und der Freiheit und will damit das Fundament des heutigen Deutschlands untergraben, eines Deutschlands, das die Lektionen der Geschichte eben NICHT vergessen will, das weiß, wie gefährlich die Aufteilung der Menschen in Höherwertige und Minderwertige sein kann. [...]

Nach dem 9. November 1938 blieben von vielen Synagogen in Deutschland nur Ruinen und am Ende der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft nur Grabsteine und Asche übrig. Von millionenfach gemordeten jüdischen Frauen, Kindern und Männern ist nichts übriggeblieben als Namen in Archiven und noch nicht einmal alle Namen sind bekannt.

Jedes Jahr zu dieser Zeit wird die Frage aufgeworfen, ob es nicht langsam an der Zeit sei, endlich mit dem ständigen Erinnern und Mahnungen aufzuhören und die Vergangenheit als bewältigt anzusehen und nur noch in die Zukunft zu schauen.

Das und mehr: Die Geschichtsfälscher und die Verschweiger streben letztendlich einen anderen Staat an. Der brennende Wunsch, die NS-Zeit zu vergessen, wenn nicht sogar, ihr positive Seiten abzugewinnen, geht nicht selten Hand in Hand mit einem Hang zu Gewalt.

Die aktuellen Bilder um den braunen Terror der Rechtsextremisten auf den Straßen – nicht nur in Deutschland sondern in ganz Europa - und bei rechsextremistischen Rockkonzerten und Kampfsportveranstaltungen, aber auch die revisionistischen und völkischen Parolen der neuen Rechten in deutschen Parlamenten, dürften diese Frage wohl hinreichend beantworten. Nichts ist abschließend bewältigt – es ist übrigens eine Illusion zu glauben, etwas könnte irgendwann „bewältigt“ werden. In einer Gesellschaft ist dies ein dauernder Prozess: Keine bessere Zukunft ohne kritische Auseinandersetzung mit der historischen Erfahrung!"

Die vollständige Rede von Stephan Kramer finden Sie hier