Zwangsarbeiter der Wilhelm-Gustloff-Werke und dt. Lagerpersonal, vmtl. 1945 in der Großkromsdorfer Straße, Stadtarchiv Weimar, noch ohne Signatur

„Zwangsarbeiter waren in Weimar allgegenwärtig“

Vortrag und Gespräch mit Marc Bartuschka am 20. Juli 2018 um 18.30 Uhr im Stadtmuseum Weimar

Bislang waren der Umfang und der Charakter der nationalsozialistischen Zwangsarbeit in Weimar nur wenig erforscht. Dies hat sich nun geändert: Im Auftrag der Stadt ist der Jenaer Historiker Dr. Marc Bartuschka den Spuren der Zwangsarbeit in Weimar nachgegangen. Am Freitag, dem 20. Juli,  wird er um 18.30 Uhr im Stadtmuseum nun erstmals die Ergebnisse seiner Recherchen der Öffentlichkeit vorstellen.

Im Vorfeld seines Vortrages führte Dr. Daniel Logemann, der Kustos der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und  Mittelbau-Dora für die neue Ausstellung zur Zwangsarbeit im Nationalsozialismus, die 2020 im Saalbau des ehemaligen Gauforums eröffnet wird, ein Interview mit ihm. Dort erläutert Marc Bartuschka: „Zunächst einmal - aber das gilt praktisch für alle deutschen Städte und Dörfer - waren Zwangsarbeiter in Weimar allgegenwärtig. Nicht nur für diejenigen Deutschen, die in einem Rüstungsbetrieb arbeiteten oder zufällig in der Nähe eines Lager wohnten. Beim Gang zum Bäcker, Fleischer, zum Handwerksbetrieb nebenan - überall konnte man ihnen begegnen. Die deutsche Wirtschaft, das vergleichsweise normale Leben der Deutschen im Krieg, funktionierten spätestens ab 1942/43 nur noch durch den Masseneinsatz von Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern. Sie räumten den Schnee weg, erledigten die Müllabfuhr, arbeiteten bei städtischen und anderen Bauvorhaben, auf dem Friedhof. Sogar das Deutsche Nationaltheater Weimar setzte mindestens ein Dutzend Kriegsgefangene für Tischlerarbeiten und dergleichen ein und beschäftigte offenbar auch einige Zivilzwangsarbeiter.“

In seinem Vortrag wird Marc Bartuschka auch über die Besonderheiten der NS-Zwangsarbeit in Weimar berichten, die u. a.  von der Nähe zum Konzentrationslager Buchenwald geprägt waren. Seine Forschungen können die Grundlage für weitere Überlegungen zum Umgang mit der Geschichte der Zwangsarbeit in Weimar sein. Moderiert wird der Vortrag mit anschließender Diskussion von Dr. Harry Stein.

 

Interview mit Dr. Marc Bartuschka:


Daniel Logemann: Wie würden Sie Ihre Rolle als Historiker, der seit Jahren zum Thema Zwangsarbeit forscht, beschreiben? Was fasziniert Sie an dem Thema?

Marc Bartuschka: Historische Forschung hat auch immer etwas von Detektivarbeit an sich. Man sucht nach Schriftstücken, die noch niemand bisher ausgewertet hat, nach Zeitzeugen, die noch nie ausführlich von ihren Erfahrungen berichtet haben. Aus Puzzleteilen ein Gesamtbild erstellen und eine bisher unbekannte Geschichte erzählen zu können, ist ein großer Ansporn.
Ich hoffe, dass ich helfen kann, den ehemaligen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern eine Stimme zu geben. Manche hatten auch nach dem Krieg ein schweres Leben, da man ihnen zu Hause misstraute. Ihre Erinnerungen waren oft nicht gefragt, man interessierte sich kaum für sie. Einigen hilft es vielleicht zu wissen, dass ihre Erlebnisse es auf jeden Fall wert sind, aufgehoben zu werden. Und wenn jemand von den Zeitzeugen sich bei mir für meine Arbeit bedankt, ist das natürlich sehr schmeichelhaft und eine große Ehre.
Natürlich will ich auch helfen, den Jugendlichen und Erwachsenen in Deutschland ein besseres Bild von der Geschichte ihrer Städte zu vermitteln. Und dazu gehört für mich auch die Zwangsarbeit in der NS-Zeit - in vielen Städten waren zeitweilig ca. zehn Prozent der Einwohner Zwangsarbeiter, mitunter auch mehr. Die Lager existieren heute nicht mehr, die meisten Zeitzeugen sind tot, es gibt nur wenige Gedenktafeln, die an das Geschehene erinnern. Das zumindest ein wenig zu korrigieren, spornt mich ebenfalls an.

Was charakterisiert Zwangsarbeit in Weimar?

Zunächst einmal - aber das gilt praktisch für alle deutschen Städte und Dörfer - waren Zwangsarbeiter in Weimar allgegenwärtig. Nicht nur für diejenigen Deutschen, die in einem Rüstungsbetrieb arbeiteten oder zufällig in der Nähe eines Lager wohnten. Beim Gang zum Bäcker, Fleischer, zum Handwerksbetrieb nebenan - überall konnte man ihnen begegnen. Die deutsche Wirtschaft, das vergleichsweise normale Leben der Deutschen im Krieg, funktionierten spätestens ab 1942/43 nur noch durch den Masseneinsatz von Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern. Sie räumten den Schnee weg, erledigten die Müllabfuhr, arbeiteten bei städtischen und anderen Bauvorhaben, auf dem Friedhof. Sogar das Deutsche Nationaltheater Weimar setzte mindestens ein Dutzend Kriegsgefangene für Tischlerarbeiten und dergleichen ein und beschäftigte offenbar auch einige Zivilzwangsarbeiter.
Was das konkrete Schicksal von zivilen Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen betrifft, so gab es in Weimar wie in anderen Städten eine große Bandbreite von Erfahrungen, Lebens- und Arbeitsbedingungen. Das lässt sich nicht generalisieren. Manche Weimarer verhielten sich relativ korrekt, zu den Zwangsarbeitern entwickelten sie ein Verhältnis des Nebeneinanders, ganz selten des Miteinanders. Einige Weimarer bezahlten einen hohen Preis, wenn sie in den Ausländern in erster Linie Menschen sahen und die staatlichen Bestimmungen zum Umgang mit ihnen ignorierten. Und es gab ebenso Fälle von rücksichtsloser staatlicher Repression, aber auch ganz individuelle Grausamkeiten durch die unmittelbaren Vorgesetzten und „Arbeitgeber“. Brutalität und Menschenverachtung, die vollkommen im Ermessensspielraum ganz gewöhnlicher Deutscher lag, Männer wie Frauen.

Gibt es ein Unternehmen oder ein Lager, das eine besondere Rolle einnimmt?

Auch wenn es eine Reihe von Unternehmen und Institutionen gab, die etwa 100 oder mehr Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene einsetzten - wie kein zweites Unternehmen sticht das Fritz-Sauckel-Werk der Gustloff-Werke hervor. Die ehemalige Waggonfabrik, nun zum Rüstungswerk gewandelt und massiv ausgebaut, war das größte Unternehmen der Stadt. Ich gehe davon aus, dass dort mehr als zwei Drittel der in Weimar eingesetzten Deportierten und Kriegsgefangenen arbeiteten, 1939 bis 1945 vermutlich 3.500 bis 4.000 insgesamt. Einige Dutzend Zwangsarbeiter des Werkes wurden nach Buchenwald überstellt, mindestens drei hingerichtet - einen ließ man offenbar ein, zwei Tage im Lager in der damaligen Großkromsdorfer Straße hängen. Deshalb halte ich dieses Lager - ein Komplex von Quartieren für west- und osteuropäische Zwangsarbeiter in der Nähe des größten KZ-Außenlagers in Weimar - auch für besonders wichtig. Nicht zuletzt, weil das Areal ein nahezu perfektes Sinnbild der NS-Wirtschaftspolitik und „Volksgemeinschaft“ vermittelt. Dort entstanden vor dem Krieg Siedlungshäuser für mehr als 50 Familien von Angestellten der Gustloff-Werke.

Wie könnte man Zwangsarbeit in Weimar hinsichtlich anderer Zwangsarbeitsorte in Thüringen beschreiben?

Zwangsarbeit in Weimar war vielfach KZ-Häftlingsarbeit, das unterscheidet die Stadt in diesem Ausmaß von den meisten anderen Orten Thüringens. Zudem war Weimar keine in erster Linie industriell geprägte Stadt. Deshalb war die Zahl der Zivilzwangsarbeiter im Vergleich zur Gesamtbevölkerung in Weimar etwas geringer als etwa in Jena und Altenburg. In Bereichen, wo KZ-Häftlinge nicht zum Einsatz kamen, waren Zwangsarbeiter aber sehr präsent. In den nach 1945 eingemeindeten Ortschaften etwa funktionierte die Landwirtschaft offenkundig nur durch den massiven Einsatz von Ausländern. In Possendorf lebten zu Beginn des Zweiten Weltkriegs ca. 260 Personen - in dem Ort kamen ab 1940 insgesamt mindestens 60 Ausländer zum Einsatz, wenn auch nicht zur selben Zeit. In Gaberndorf und Taubach, Dörfer mit ca. 660 bis 720 Einwohnern vor dem Krieg, waren es wohl mindestens jeweils 40 zivile Ausländer - nicht gerechnet drei Kleinkinder von Zwangsarbeitern, die in Gaberndorf verstarben. Und dabei sind Kriegsgefangene, die vor allem in den ersten Kriegsjahren auch in der Landwirtschaft arbeiten mussten, vermutlich noch nicht einmal eingerechnet. Ich gehe auch davon aus, dass die relative Nähe zum Kriegsgefangenen-Stammlager IX C Bad Sulza dazu beitrug, dass die Zahl der Kriegsgefangenen in Weimar relativ hoch war.

Wer waren die Zwangsarbeiter in Weimar? Kann man allgemeine Aussagen treffen?

Leider ist die Quellenlage für Weimar im Vergleich zu anderen Städten sehr schlecht. Es gibt zu den wenigsten Unternehmen vollständige Listen, geschweige denn einen Gesamtüberblick über die hier beschäftigten Ausländer. Ich gehe davon aus, das etwa 25 bis 30 Prozent der zivilen Zwangsarbeiter in Weimar Einwohner der UdSSR waren, in jedem Fall deutlich über 1.000, darunter ein großer Anteil Frauen. Viele der „Ostarbeiter“ waren offenbar recht jung. Dazu kamen noch sowjetische Kriegsgefangene. Franzosen und Belgier waren ebenfalls recht stark vertreten, ganz besonders in den Gustloff-Werken.

Wie viel Interesse am Thema Zwangsarbeit hat nach Ihrem Eindruck die Weimarer Bevölkerung?

Meine Arbeit war natürlich nur möglich dank der Finanzierung der Stadt und der Hilfe der Kulturdirektion und des Stadtarchivs. Aber auch sonst haben Weimarer meine Arbeit in bewundernswerter Art und Weise unterstützt. Sie haben mich an ihren eigenen Recherchen teilhaben lassen, oder aus ihren Erinnerungen berichtet. Ich habe aber den Eindruck, dass das Interesse in der breiten Öffentlichkeit im Moment eher verhalten ist. Wenn es noch Zeitzeugen gibt, die Auskunft geben wollen, oder wenn jemand Bilder von Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern und ihren Lagern zu Hause hat, wäre es natürlich wunderbar, wenn er oder sie sich beim Stadtarchiv Weimar melden könnte.

Was würden Sie sich für das Thema Zwangsarbeit in der Öffentlichkeit wünschen?

Es würde mich freuen, wenn der Besuch des künftigen Museums Zwangsarbeit im Saalbau des Gauforums irgendwann ein integraler Bestandteil des schulischen Programms würde. Denn auch wenn das Schicksal der meisten Zwangsarbeiter mit dem von KZ-Häftlingen nicht gleichzusetzen ist, der Zwangsarbeitereinsatz war ein Massenverbrechen, das in jeder deutschen Stadt, nahezu jedem deutschen Dorf in der einen oder anderen Form stattfand. Dieses Beispiel zeigt, was möglich war, wenn Rassismus nicht nur gesellschaftlich akzeptiert, sondern von staatlicher Seite gefördert und in Gesetzeskraft gegossen wurde. Ich hoffe, dass meine Recherchen helfen, dies auch im lokalen Bewusstsein zu verankern. Das muss natürlich nicht in traditionellen Gedenkformen wie einer Stele oder einem Gedenkstein geschehen. Inzwischen werden auch andere Formate angewandt, die eher digital-virtueller Natur sind, wie Online-Rundgänge etc. Aber dies ist eine Entscheidung, welche die Bürger der Stadt und die Stadträte treffen müssen. Ich liefere nur das Rohmaterial, den Faktenhintergrund.

Herr Bartuschka, ich danke Ihnen für das Gespräch und freue mich auf Ihren Vortrag!

Zur Person:
Marc Bartuschka studierte 1999 bis 2005 Osteuropäische Geschichte, Neuere Geschichte und Politikwissenschaft in Jena. Mit Finanzierung des Thüringischen Kultusministeriums promovierte er mit einer Untersuchung zum Zwangsarbeitereinsatz beim unterirdischen NS-Rüstungswerk „Reichsmarschall Hermann Göring“ (REIMAHG) bei Kahla. Seit 2010 arbeitet er als selbstständiger wissenschaftlicher Mitarbeiter und Autor an Forschungs-, Publikations- und Ausstellungsprojekten zur Regionalgeschichte im 20. Jahrhundert in Thüringen, vor allem zum „Dritten Reich“ und dem Einsatz von KZ-Häftlingen und Zwangsarbeitern. Auftraggeber waren u. a. die Gedenkstätte Buchenwald, die Städte Altenburg, Jena und Weimar und der Landkreis Saalfeld-Rudolstadt.

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