Foto: Katharina Brand

Schenkung von Kunstwerken

Die Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora freut sich sehr über eine Schenkung aus dem Nachlass der am 12. Dezember 2007 verstorbenen Künstlerin Rosemarie Inge Kočzÿ.
 
Die Schenkung umfasst über 30 Tuschezeichnungen aus ihrem bekannten zeichnerischen Vermächtnis für die Opfer der Shoah mit dem Titel „Ich webe Euch ein Leichentuch“, drei Holzskulpturen („Stukka Attack“ 224,5 x 39 cm - Detail Foto oben -, „Working in the Fields“ 367 x 30,9 cm und „Cleaning Horses in the Military Stables“ 306,5 x 31 cm) und ein Pastellgemälde („Deportation Trains“ 408 x 130 cm).


Rosemarie Inge Kočzÿ (1939 – 2007)

Geboren am 5. März 1939 in Recklinghausen (NRW) wird sie 1942 von ihrer Familie getrennt und in das KZ Traunstein (Außenlager des KZ Dachau) und später in das KZ Ottenhausen-Saarbrücken (Außenlager des KZ Natzweiler-Struthof) deportiert. Nach der Befreiung wächst sie bei ihren Großeltern, ihrer Mutter, in verschiedenen Pflegefamilien und in Waisenhäusern auf. 1959 verlässt sie Deutschland, um in Genf an der École des Arts Décoratifs (Kunstgewerbeschule) zu studieren. Während ihrer Zeit in Pflegefamilien wird sie zur Näherin ausgebildet, was sich vor allem in ihren Tapisarbeiten (Wandbehänge) widerspiegelt. Sie lernt die Kunstsammlerin Peggy Guggenheim und den Direktor des Solomon R. Guggenheim Museums, Thomas Messer, kennen. Zu beiden entsteht eine dauerhafte Freundschaft. Mitte der 70er-Jahre beginnt sie, ihre traumatischen Kindheitserfahrungen künstlerisch umzusetzen. Inzwischen in New York und Genf lebend, verbringt sie – auf Einladung Messers – einige Zeit in der Künstlerkolonie „MacDowell Colony“. Dort lernt sie den Komponisten Louis Pelosi kennen, heiratet ihn 1984 und wandert mit ihm in die Vereinigten Staaten von Amerika aus, deren Staatsbürgerschaft sie 1989 erhält. In Croton-on-Hudson/New York fertigt sie Holzskulpturen, arbeitet an ihren Tuschezeichnungen und fördert zusammen mit ihrem Ehemann junge Künstler und gibt Unterricht für Kinder und Erwachsene. Sie stirbt 68-jährig an den Folgen einer Krankheit.

Ihre Bilder, Tapisserien, Skulpturen und andere künstlerische Arbeiten – insgesamt über 12.000 Werke – wurden in fast 200 Ausstellungen in Deutschland, der Schweiz, den USA, Frankreich, Schweden, Norwegen, Finnland, Holland, Spanien, Belgien, England, Russland, Kroatien, Italien, Montenegro, Japan und Israel gezeigt und sind heute in vielen privaten und öffentlichen Sammlungen enthalten. U.a.: Guggenheim Museum (New York, USA), Peggy Guggenheim Collection (Venedig, Italien), Milwaukee Art Museum (USA), Collection de l’Art Brut (Schweiz), Museum im Lagerhaus (St. Gallen, Schweiz), Museum Charlotte Zander (Bonnigheim, Deutschland), Musée de la Création Franche (Frankreich) und in Yad Vashem (Israel).

 


Rosemarie I. Kočzÿ, 23. November 1999:


Ich webe Euch ein Leichentuch

Die Zeichnungen, die ich jeden Tag mache, sind benannt ‚Ich webe Euch ein Leichentuch’. Es ist eine Bestattung für all jene, die ich sterben sah in den Lagern 1942, 1943, 1944 und 1945 sowie im Lager für Verschleppte bis 1951.


Im jüdischen Bestattungsritual werden die Verstorbenen gewaschen; eine Frau wäscht den Körper einer toten Frau, ein Mann den eines toten Mannes. Der Körper wird anschließend in ein Leichentuch gehüllt. Ein Leichentuch zu nähen ist ein Akt des Respekts und ein Ritus. Der rituelle Akt beginnt mit dem Rezitieren von Psalmen aus dem Alten Testament am Bett des sterbenden Menschen. Man darf Sterbende nicht allein lassen. Wenn der Mensch gestorben ist, spricht man den Satz aus Hiob 1:21: ‚Ich bin nackt auf die Welt gekommen, und nackt muss ich zu Gott zurückkehren. Gott hat mir auf Erden alles gegeben und alles wieder genommen. Gott sei gelobt.’ In diesem Moment schließt man sanft Augen und Mund, die Fenster der Seele, die die Augen sind. Daraufhin legt man den Körper auf den Fußboden mit den Füßen zur Eingangstüre. Man breitet ein schwarzes Tuch über den Körper, stellt zwei brennende Kerzen zu Häupten auf, ebenso Wasser und ein Mundtuch. Das Wasser, damit der Vogel Seele trinken kann, wenn er den Körper verlässt. Alle Spiegel im Haus sind verdeckt als Zeichen der Trauer und zur Wand gekehrt.


Darauf beginnt man mit der Körperwaschung, die man Thaharah nennt. Man hebt den Körper vom Boden hoch und legt ihn auf einen Reinigungstisch, wo er gewaschen wird. Darauf breitet man ein weißes Tuch über den Körper. Während man ihn wäscht, bittet man den Toten um Verzeihung, dass man ihn störe mit der Waschung. Man salbt ihn mit Myrrhe, mit Aloe oder mit Rosenwasser. [...]


 

Wer es unterlässt, einen Körper bei den Vorbereitungen für die Beerdigung in ein Leichtuch zu hüllen, begeht eine schlimme Sünde gegenüber Gott und dem toten Menschen. In jedes Leichentuch legt man unter den Kopf des Verstorbenen ein Säckchen mit Erde aus Israel, während man das Totengebet spricht, den Kaddish. [...]


Vielleicht verstehen Sie jetzt, warum ich diese Zeichnungen, Bilder und Skulpturen mache – um den Toten (die manchmal noch lebten) eine würdige und respektvolle Beerdigung zu geben. Ich sah, wie Bulldozer sie packten und in einen Graben oder ein Loch warfen und wie sie mit Kalk zugedeckt wurden. Das Leichentuch ist das Strichgewebe, das jede meiner Gestalten umgibt, um sie in Würde zu beerdigen. [...]


Wenn Sie mehr wissen wollen, müssen Sie die Konzentrationslager besuchen; es waren zehntausend. Ich war dort. Ich habe zwei dieser Lager überlebt. Jeden Tag fahre ich fort, die Opfer der Lager zu beerdigen – in vollkommener Stille, allein.