Józef Szajna ist tot

"Ich möchte Euch zeigen, was ein Leben wert ist, was es mich gekostet hat." (Szajna) Prof. Dr. h.c. Józef Szajna Rzeszów 13. März 1922 – Warszawa 24. Juni 2008 Widerstandskämpfer, Autor, Theaterdirektor, Regisseur, Künstler, Mensch Er hat die Konzentrationslager Auschwitz und Buchenwald überlebt und sein Leben der Bewahrung und Stärkung der Grundsolidarität mit dem Menschen als Mensch gewidmet. Polen war ihm Vaterland. Die Welt Heimat und Aufgabe.   Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora trauern um den Freund und das Vorbild, den Ratgeber, Begleiter und großen Ermunterer. In unserem Gedächtnis hat er einen festen Platz – aber er wird uns fehlen. Wir sind dankbar für sein Werk und alle Zeit, die wir mit ihm geteilt haben. Prof. Dr. Volkhard Knigge Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora im Namen aller Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

"Hört da noch jemand?" Zur Biografie von Józef Szajna

Professor Dr. h.c. Józef Szajna gehörte zu den herausragenden zeitgenössischen Künstlern Polens. Seit Ende der 1950er-Jahre sorgte Józef Szajna mit eigenwilligen Inszenierungen sowohl auf der Bühne als auch im Museum für Aufsehen. Die kompromisslose Verschmelzung von Kunst und Theater forderte die Sehgewohnheiten seines Publikums heraus und störte die staatliche Kunstpolitik Polens. "Szajna, dieser außerordentliche Künstler", so Guy Dumur im Nouvel Observ, "geht in der Art und Weise, den Horror von Krieg, Konzentrationslager und Tod darzustellen weiter als andere Künstler. Das ist der endgültige Bruch mit dem traditionellen Theater."

Józef Szajna, 1922 in Rzeszów geboren, wurde im Alter von 19 Jahren als Widerstandskämpfer in Polen verhaftet und 1941 in das Konzentrationslager Auschwitz deportiert. Nach einem Fluchtversuch im Sommer 1943 zum Tode verurteilt, wartete er bis zu seiner Begnadigung im Oktober 1943 in der Todeszelle auf die Exekution; im Januar 1944 überstellte ihn die SS nach Buchenwald, Außenlager Schönebeck, wo er im Junkers Flugzeug- und Motorenwerk Zwangsarbeit leisten musste. Als die Häftlinge am 11. April 1945 von der SS auf den Todesmarsch gezwungen wurden, gelang ihm die Flucht.

Nach Kriegsende studierte Józef Szajna von 1947 bis 1953 an der Akademie der Schönen Künste in Krákow. Er erwarb Diplome in den Fächern Graphik (1952) und Bühnenbild (1953) und lehrte zwischen 1954 und 1965 an derselben Akademie. Von 1955 bis 1963 war er als Bühnenbildner, Autor und Regisseur am Teatr Ludowy (Volkstheater) in Nova Huta, zwischen 1963 und 1966 als Intendant und künstlerischer Leiter tätig. 1971 wurde Józef Szajna Direktor des Teatr Klasyczny (Klassisches Theater) in Warschau, das unter seiner Ägide zum Teatr Studio (Studio-Theater) mit Galerie, später zum Centrum Sztuki Studio (Kunstzentrum Studio) umgestaltet wird. 1972 wurde Szajna zum Professor an der Kunstakademie in Warschau ernannt, wo er das Aufbaustudium Bühnenbild einrichtete und bis 1978 leitete.

Die Installation „Reminiszenzen“, eine Auseinandersetzung mit der Ermordung von Mitgliedern der Kunstakademie Krakau in Auschwitz, die 1970 auf der Biennale in Venedig präsentiert wurde und heute in der Gedenkstätte Buchenwald gezeigt wird, machte den Künstler auch im Westen bekannt. 1982 legte Szajna seine Professur an der Kunstakademie Warschau und die Leitung des Theaters Studio aus Protest gegen die Ausrufung des Kriegsrechts nieder und arbeitete seither frei. Sein Werk stieß weltweit auf Beachtung und wurde mit Preisen bedacht, u.a. in Italien, Japan, Mexiko, Israel, Ägypten und den Vereinigten Staaten von Amerika. 2002 wurde ihm die Ehrendoktorwürde der Universität Oldenburg verliehen.

Die Öffentlichkeit der alten Bundesrepublik hat sich mit der Rezeption seines Werkes jedoch lange schwer getan. Eine erste Gesamtschau seines Oeuvres wurde in Deutschland erst 1995 in der Gedenkstätte Buchenwald und im Deutschen Nationaltheater Weimar gezeigt. Zehn Jahre später hat die Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora aus Anlass des 60. Jahrestages der Befreiung des KZ Buchenwald zum zweiten Mal die ganze Breite und den Ideenreichtum des Schaffens des Künstler-Regisseurs vorgestellt. Zuletzt und mit großem Erfolg wurde sein Werk 2006 aus Anlass des „Gedenktages an die Opfer des Nationalsozialismus“ in Berlin gezeigt. Realisiert wurde die Ausstellung "Hört da noch jemand?". Józef Szajna. Zur condition humaine nach Auschwitz von dem Ministerium für Kultur und Nationalerbe der Republik Polen und der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora mit Unterstützung des Auswärtigen Amtes. Allein zur Eröffnung kamen etwa 300 Gäste. Im Zusammenhang mit seiner Gedenkfeier lud der Bundestag Schülerinnen und Schüler ein, die Ausstellung zu besuchen und mit Szajna über die sie bewegenden Fragen ins Gespräch zu kommen. Noch einmal war sein Werk Bühne für den Dialog zwischen dem Künstler und seinem Publikum, den Jósef Szajna immer wieder neu gesucht hat.