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Transportkarte von Hans Wagner, 1990er Jahre. Gedenkstätte Buchenwald

Transportkarte Wagner

Ende 1946 sucht eine Ärztekommission in den sowjetischen Speziallagern nach arbeitsfähigen Insassen. Sie sollen im Austausch für zurückkehrende deutsche Kriegsgefangene in die Sowjetunion geschickt werden und beim Wiederaufbau des kriegszerstörten Landes mithelfen. Die meisten Speziallager-Insassen sind jedoch durch Hunger und Krankheiten zu stark geschwächt, so dass ein Arbeitseinsatz in der Sowjetunion nicht in Frage kommt. Von den 15.000 Insassen des Speziallagers Nr. 2 werden etwa 1.000 als „arbeitsfähig“ ausgewählt. Am 8. Februar 1947 setzt sich aus Buchenwald ein Zug in Bewegung. Sein Ziel, die kasachische Stadt Karaganda, erreicht er nach knapp sechs Wochen.

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Kriegsgefangenenlager Nr. 7099 Karaganda, 1943. Russländisches Staatliches Militärarchiv (RGWA) Moskau

Kriegsgefangenenlager Karaganda 1943

In der Region Karaganda existiert eines der größten Lagersysteme der Sowjetunion, genannt „KarLag“. Seine Lager und Sondersiedlungen durchlaufen zwischen 1929 und 1956 etwa 800.000 Häftlinge. Daneben existiert seit 1941 das Kriegsgefangenenlager Nr. 7099, in dem deutsche und japanische Militärangehörige, aber auch Wolgadeutsche und ab 1947 Speziallager-Insassen aus Buchenwald gefangen gehalten werden.

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Wattejacke aus der Region Karaganda, um 1950. Sammlung Memorial Moskau

Wattejacke

Während in den Speziallagern Beschäftigungslosigkeit und Monotonie herrschen, bestimmt die Arbeit den Alltag in den sowjetischen Kriegsgefangenenlagern. Die Häftlinge erhalten für die extremen Witterungsbedingungen spezielle Kleidung. Sie arbeiten auf Baustellen, im Schacht oder innerhalb des Lagers. Seit 1948 erhalten die Häftlinge für besondere Leistungen Geld und können so die ihnen zugeteilte Verpflegung aufbessern.

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Postkarte von Günther Ochs aus Karaganda, 13. Juni 1948. Privatbesitz Susanne Hughes

Postkarte Ochs

Während die Insassen der sowjetischen Speziallager in Deutschland von der Außenwelt isoliert sind, können die Internierten aus Karaganda ab Ende 1947 an ihre Familien schreiben und Antwort erhalten. Möglich wird dies durch ihren neuen Status als „Kriegsgefangene“, den die meisten im Anschluss an Verhöre des sowjetischen Innenministeriums erhalten.

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Hans-Joachim Wolf und seine Arbeitsbrigade „Schilstroj“ (Wohnungsbau), August 1949. Privatbesitz Friedbert Wolf

Arbeitsbrigade Schilstroj Wolf

Nach dem Schichtbetrieb verbringen die Häftlinge ihre freie Zeit meist innerhalb des umzäunten Lagers. Sie beteiligen sich am kulturellen Leben, etwa in einer lagereigenen Theatergruppe. Politische Schulungen finden in so genannten Antifa-Kursen statt. 1948 lockert sich die strenge Lagerordnung. Die Internierten nutzen nun die arbeitsfreie Zeit zum gemeinsamen Besuch des städtischen Basars. Fotografen machen zur Erinnerung Fotos.

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Entlassungsschein von Arthur Edling, 29. November 1948. Privatbesitz Ingrid Schraven

Entlassungsschein Edling

Die Mehrheit der Speziallager-Insassen wird 1949/50 aus Karaganda entlassen, wenige bereits 1948. Andere kommen in der Sowjetunion vor Gericht und erhalten hohe Haftstrafen. Sie werden zumeist in den 1950er Jahren vorfristig entlassen und als „Spätheimkehrer“ in das geteilte Deutschland zurückgeführt. Einige überleben die schwere Arbeit und die Haftbedingungen nicht. Ihre Angehörigen erhalten keine offizielle Benachrichtigung.

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Postkarten-Leporello „Karaganda“ von Rolf Hohlfeld, 1980er Jahre. Gedenkstätte Buchenwald

Leporello Hohlfeld

Die Rückkehrer erinnern sich unterschiedlich an ihre Haftzeit in Buchenwald und Karaganda. Während in der Bundesrepublik Deutschland organisierte Gedenkveranstaltungen stattfinden, wird in der Deutschen Demokratischen Republik die Geschichte der Haftzeit im Speziallager und in der Sowjetunion tabuisiert. Einige ehemalige Internierte reisen in den 1970er und 1980er Jahren nach Karaganda. Erst das Ende der DDR und der Sowjetunion ermöglicht die wissenschaftliche Erforschung der Speziallager-Geschichte.

Von Buchenwald nach Karaganda

Eröffnung am Samstag, dem 16. September 2017, um 11.30 Uhr, im Ausstellungsgebäude Speziallager

8. Februar 1947: Am Bahnhof Buchenwald stehen mehr als 1.000 Internierte aus dem sowjetischen Speziallager Nr. 2 für einen Transport bereit. Zum Arbeitseinsatz in der Sowjetunion bestimmt, führt ihr Weg in die kasachische Stadt Karaganda. Der Transport ist ein Ausnahmefall in der Geschichte des Speziallagers Buchenwald, in dem Beschäftigungslosigkeit und strenge Isolation herrschen. Von Hunger und Krankheiten geschwächt, ist die Mehrheit der zu diesem Zeitpunkt insgesamt 15.000 dort Internierten weder transport- noch arbeitsfähig.

Am 20. März 1947, nach sechswöchiger Fahrt unter schwierigen Bedingungen, erreichen 1.038 Internierte das Kriegsgefangenenlager Nr. 7099 in Karaganda. Harte Arbeit im Bergbau und auf Baustellen prägt den Alltag der Gefangenen. Nach Jahren der Ungewissheit können sie ab Ende 1947 erstmals Postkarten schreiben und so Kontakt zu ihren Angehörigen aufnehmen. Nach Gründung beider deutscher Staaten 1949 werden die meisten Internierten entlassen.

70 Jahre später informiert die Sonderausstellung der Gedenkstätte Buchenwald über Geschichte und Hintergrund dieses Transportes.