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Chronologie der Befreiung des KZ Buchenwald, April 1945

Anfang April 1945 waren im KZ Buchenwald an die 48.000 Menschen inhaftiert. Angesichts der bei Gotha stehenden US-Armee begann die SS am 7. April mit der Evakuierung des Lagers; es gelang ihr, trotz aller Verzögerungstaktiken der Häftlinge, etwa 28.000 Gefangene auf sog. Todesmärsche zu schicken. Sie werden mit Recht so bezeichnet: etwa jeder Dritte starb unterwegs oder wurde von der SS, dem Volkssturm oder Jugendlichen der HJ erschossen.

Mit Hilfe der Berichte des Lagerkomitees der befreiten Häftlinge und der US-Einheiten lassen sich die dramatischen Stunden kurz vor dem Ende der SS-Herrschaft rekonstruieren:


10. April 1945
18.00 Uhr
9.280 Insassen haben an diesem Tag Buchenwald in zwei Kolonnen verlassen. Die SS kündigt für den folgenden Tag die vollständige Räumung des Lagers an.
10. April 1945
24.00 Uhr
Das Combat Team 9 befindet sich bei Grumbach und Wiegleben, 50 Kilometer westlich von Buchenwald. Es gehört zum Kampfkommando A der 6th Armored Division der 3. US-Armee von General Patton.
11. April 1945
7:45 Uhr
Das Kampfkommando A (Combat Teams 9 und 15) bestehend aus dem 9th Armored Infantry Battalion, dem 15th Tank Battalion, der 86th Cavalry Reconnaissance Squadron, der 993d Engineer Treadway Bridge Company, dem 25th Armored Engineer Battalion, dem 603rd Tank Destroyer Battalion, dem 777th Anti-Aircraft Artillery Battalion, setzt den Angriff in Richtung Osten fort.
11. April 1945
9.00 Uhr
Der Lagerälteste Hans Eiden und Franz Eichhorn werden ans Lagertor befohlen. Lagerkommandant Hermann Pister kündigt den Abzug der SS an und übergibt Eiden für diesen Fall das Lager.
11. April 1945
9.50 Uhr
Das 9th Armored Infantry Battalion (Combat Team 9) zwingt den Gegner bei Udestedt zum Rückzug. Das ist weniger als 20 Kilometer von Buchenwald entfernt.


Sergeant Paul Bodot, Aufklärer der 4th Armored Division, in dem Jeep, mit dem er am 11. April 1945 gegen 17.00 Uhr Buchenwald erreichte. | Fotograf unbekannt, Anfang April 1945 | Association Française | Buchenwald-Dora, Paris

11. April 1945
10.00 Uhr
Die Sirene "Feindalarm" ertönt. Über Lautsprecher kommt die Ansage: "Sämtliche SS-Angehörige sofort aus dem Lager!"
11. April 1945
10.30 Uhr
Das internationale Lagerkomitee mobilisiert die Widerstandsgruppen und bewaffnet sie mit illegal beschafften Schuss-, Hieb- und Stichwaffen.
11. April 1945
11.00 Uhr
Infanteriefeuer amerikanischer Truppen nordwestlich des Lagers.
11. April 1945
gegen Mittag
Die Angehörigen der SS-Kommandantur fliehen. Die Besatzungen der Wachtürme setzen sich ab.
11. April 1945
13.00 Uhr
Zwei amerikanische Panzer nähern sich aus Richtung Hottelstedt.
11. April 1945
14.00 Uhr
Starkes Maschinengewehrfeuer am nordwestlichen Ende des Lagers; 12 amerikanische Panzer werden in der Nähe des Wirtschaftshofes gesichtet.
11. April 1945
14.10 Uhr
Vier amerikanische Panzer umfahren das Lager am nördlichen Rand.
11. April 1945
14.15 Uhr
Schwere Gefechte zwischen amerikanischen Truppen und der SS westlich des Lagers.
11. April 1945
14.30 Uhr
Amerikanische Panzer der 6th Armored Division sind in der Höhe der SS-Kasernen und überrollen, ohne zu stoppen, den Kasernen- und Kommandanturbereich. Die SS ist militärisch besiegt, ihre Herrschaft beendet.


US-Soldaten vor dem Lagertor. Im Vordergrund Munitionskisten und Handgranaten der SS. Auf dem Torgebäude die schwarze Fahne anlässlich des Todes von Franklin D. Roosevelt, Präsident der USA. | Ardean R. Miller, U.S. Signal Corps, 18. April 1945 | National Archives, Washington

11. April 1945
14.45 Uhr
Die bewaffneten Widerstandsgruppen sammeln sich bei den Baracken 3 und 4 unterhalb des Appellplatzes. Die provisorische Häftlingslagerleitung gibt Anweisung zur Besetzung des Torgebäudes.
11. April 1945
15.00 Uhr
Der Leiter der militärischen Widerstandsgruppen, Otto Roth, und zwei Elektriker steigen über eine Leiter in das Torgebäude ein. Sie treffen einen SS-Mann an, der flieht, und einen Wehrmachtangehörigen, der sich entwaffnen lässt. Drei weitere Personen folgen ihnen, darunter der Lagerälteste Hans Eiden. Er hisst die weiße Fahne, unterrichtet das Lager in einer kurzen Lautsprecherdurchsage über die Situation und fordert zur Wahrung der Disziplin auf.
11. April 1945
gegen 15.00 Uhr
Nach der kampflosen Besetzung des Lagertores führen die internationalen Widerstandsgruppen die seit Monaten vorbereitete bewaffnete Aktion zur Übernahme des Lagers durch. Sie zerstören, ohne auf Widerstand zu stoßen, das Westtor und die Zäune, besetzen die Wachtürme und den SS-Bereich.
11. April 1945
16.00 Uhr
Die Kampfhandlungen der amerikanischen Verbände im weiteren Umkreis des Lagers sind beendet. Gleichzeitig haben die Widerstandsgruppen der Häftlinge alle Positionen des Lagers besetzt und 76 Gefangene gemacht.
11. April 1945
16.45 Uhr
Ein provisorisches Gremium aus Vertretern von zehn Nationen tritt zusammen und beschließt die Bildung eines paritätisch zusammengesetzten Lagerrates sowie von Kommissionen zur Sicherung des Überlebens. Zweite Ansprache des Lagerältesten an das Lager über Lautsprecher.
11. April 1945
16.50 Uhr
Neueinteilung der bewaffneten Häftlinge zum Schutz des befreiten Lagers.
11. April 1945
gegen 17.00 Uhr
Ein Jeep mit zwei Angehörigen der US-Armee trifft am Lagertor ein. Leutnant Emmanuel Desard und Sergeant Paul Bodot - beide Franzosen - sind Aufklärer der 40 Kilometer südwestlich, bei Arnstadt, stationierten 4th Armored Division. Von den Kampfhandlungen erfahren sie durch die befreiten Häftlinge. Leutnant Desard ernennt den Lagerältesten zum Leiter des Lagers. An den Stab der 4th Armored Division berichtet er, was sie vorfanden: ein befreites Lager, bewaffnete und organisierte Häftlinge.


Mit Gewehren bewaffnete Häftlinge nehmen wenige Stunden nach der Befreiung des Lagers SS-Männer gefangen. | Paul Bodot, 11. April 1945 | Association Française Buchenwald-Dora, Paris

11. April 1945
gegen 17.10 Uhr
Ein Aufklärungstrupp des 9th Infantry Battalion, Teil des Combat Teams 9 der 6th Armored Division, das die Kämpfe geführt hat, betritt das Lager am nördlichen Ende. Captain Frederic Keffer, Sergeant Herbert Gottschalk, Sergeant Harry Ward und Private James Hoyt werden als Befreier begrüßt. Wie Desard und Bodot bleiben auch sie nur kurze Zeit am Ort.
12. April 1945 Die Stadt Weimar wird von Einheiten der 80th Infantry Division besetzt. Erste Kontakte zu dem vom Internationalen Lagerkomitee geführten Lager.


US-Soldaten und ehemalige Häftlinge vor einem mit Leichen beladenen Lkw-Anhänger im Innenhof des Krematoriums | Ardean R. Miller, U.S. Signal | Corps, 18. April 1945 | National Archives Washington

13. April 1945
11.30 Uhr
Lt. Colonel Edmund A. Ball von der 80th Infantry Division übernimmt die Leitung des Lagers, eine Kompanie des 317th Infantry Regiments den Schutz. Ball trifft sich mit den 21 Vertretern des Internationalen Lagerkomitees, lässt sich informieren und legt die nächsten Schritte fest. Im Anschluss an einen Gedenkappell für Franklin D. Roosevelt, der tags zuvor gestorben war, geben die Häftlinge ihre Waffen ab.
16. April 1945
14.00 Uhr
Auf Befehl General George S. Pattons, der Buchenwald am Vortag inspiziert hat, müssen 1.000 Weimarer Bürger das Konzentrationslager besichtigen. Major Lorenz C. Schmuhl wird kommandierender Offizier des Lagers.


Im Hof des Krematoriums konfrontierten die US-Soldaten die Weimarer Bürger mit den dort vorgefundenen Leichen. Das Bild erschien als erstes veröffentlichtes Foto aus Buchenwald am 18. April 1945 in der Londoner Times. | Walter Chichersky, U.S. Signal Corps, 16. April 1945 | National Archives Washington


Am 16. April mussten über 1.000 Weimarer Bürger – laut Befehl von General Patton vorrangig Mitglieder der NSDAP – das befreite Lager besichtigen. | Walter Chichersky, U.S. Signal Corps, 16. April 1945 | National Archives Washington

19. April 1945 Bei einem Gedenkappell für die Ermordeten des Konzentrationslagers Buchenwald wird ein Gelöbnis der Überlebenden verlesen, der Schwur von Buchenwald. Mehr als 400 Insassen sind seit der Befreiung gestorben.


Befreite Häftlinge bei der ersten Gedenkfeier für die Toten des KZ Buchenwald. Auf ihr schwören die Überlebenden: "Wir stellen den Kampf erst ein, wenn auch der letzte Schuldige vor den Richtern der Völker steht! Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung. Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel." Im Hintergrund ist das provisorische Mahnmal für die Toten zu sehen. | Donald R. Ornitz, U.S. Signal Corps, 19. April 1945 | National Archives Washington