Stéphane Hessel während einer Rede im Rahmen der Feierlichkeiten anlässlich des 65. Jahrestages der Befreiung der KZ Buchenwald und Mittelbau-Dora am 10. April 2010 in Weimar. Foto: Peter Hansen. SGBuMD

Trauer um Stéphane Hessel (1917-2013)

Der französische Diplomat, Widerstandskämpfer und Überlebende der Konzentrationslager Buchenwald und Mittelbau-Dora verstarb in der Nacht zum 27. Februar im Alter von 95 Jahren in Paris

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora trauern um ihren langjährigen Ratgeber und hoch geschätzten Freund Stéphane Hessel. Er wird uns stets in Erinnerung bleiben. Eine seiner grundlegenden Forderungen zu Gleichheit aller Menschen ziert die Internationale Jugendbegegnungsstätte unserer Stiftung:

"Es gibt kulturelle Unterschiede, aber keine zivilisatorischen. Wenn wir in Gesellschaften leben, (...) dann bedeutet es, dass jedes Individuum dieselben fundamentalen Rechte hat. Sie bedeuten zugleich, dass man miteinander leben kann, dass man sich gegenseitig respektiert, dass man Verantwortung für den anderen hat – das ist Zivilisation."

 

Zum Leben und Wirken Stéphane Hessels

Am 20. Oktober 1917 in Berlin als Sohn des Schriftstellers Franz und der Journalistin Helen Hessel, geb. Grund, geboren, wuchs Stéphane Hessel im Kreise von Intellektuellen und Künstlern auf. 1925 zog er mit seiner Familie nach Paris. Dort ging die Mutter eine leidenschaftliche Beziehung zu Henrie-Pierre Roché ein, die Vorbild für den Roman und Filmklassiker „Jules et Jim“ wurde.
Auf das Abitur 1933 folgten Studien Stéphane Hessels der Philosophie und Politikwissenschaft an der London School of Economics, der Pariser Sorbonne und der École normale supérieure. 1937 erhielt Stéphane Hessel die französische Staatsbürgerschaft, im Herbst 1939 wurde er als französischer Offiziersanwärter zum Kriegseinsatz mobilisiert und geriet in deutsche Gefangenschaft, aus der ihm die Flucht nach Montpellier gelang.
Illegal kam er über Casablanca und Lissabon nach London. Dort begann er 1940 im Stab von General de Gaulle im Widerstand gegen die deutsche Besatzung zu arbeiten und wurde ab Sommer 1941 zum Navigator bei der Royal Air Force ausgebildet. Bis 1943 stand er im Stabsdienst des Londoner Verbindungsbüros zur innerfranzösischen Résistance. Im März 1944 begann sein geheimer Einsatz zur Neuorganisation des Funknetzes der Résistance in Paris, Deckname „Mission Greco“. Im Juli 1944 verraten, wurde Stéphane Hessel in Paris von der Gestapo verhaftet. Nach wochenlangen Verhören folgte die Deportation in das Konzentrationslager Buchenwald, wo er gemeinsam mit 36 weiteren Männern am 17. August 1944 eintraf. Bereits innerhalb der ersten zwei Wochen wurden 16 dieser Männer exekutiert, den übrigen stand die Ermordung bevor. Am 20. Oktober 1944 gelang es mit Hilfe des Lagerwiderstands, Stéphane Hessel die Identität eins an Typhus verstorbenen Mithäftlings zu übertragen.
Anschließend wurde er in das Außenlager Rottleberode überstellt, wo er in der Häftlingsverwaltung tätig wurde. Anfang Februar 1945 gelang ihm die Flucht aus diesem Lager, er wurde jedoch gefasst und in das KZ Mittelbau-Dora eingeliefert. Nach Haft und Folterung im „Bunker“ des Lagers Dora musste Stéphane Hessel im Strafkommando arbeiten. Anfang April 1945 gelang ihm während eines Räumungstransportes Richtung Bergen-Belsen erneut die Flucht. Nach mehrtägigem Fußmarsch erreichte er Einheiten der US-Armee, denen er sich anschloss und den Kampf gegen den Nationalsozialismus fortsetzte. Kurz vor der Kapitulation des Deutschen Reiches geriet er noch einmal in die Gefangenschaft von SS-Angehörigen, die er aber zur Aufgabe bewegen konnte.
Am 8. Mai 1945 nach Paris zurückgekehrt, war Stéphane Hessel seit Februar 1946 für die UNO in New York tätig. In der Kommission für Menschenrechte an der Redaktion der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte beteiligt, nahm er auch an ihrer öffentlichen Bekanntmachung am 10. Dezember 1948 in Paris teil. Von 1946 bis 1981 arbeitete er in verschiedenen Bereichen und Kommissionen der UNO, als französischer Diplomat und im Außenministerium Frankreichs. Seit den 1980er Jahren stand Stéphane Hessel in ganz Europa für Zeitzeugengespräche und Begegnungen zur Verfügung und berichtete über seine Erfahrungen im Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Entwicklungshilfe, Demokratie und Menschenrechte gehörten bis zuletzt zu den Themen, die ihm besonders am Herzen lagen. In den 1990er Jahren unterstütze er beispielsweise als Sprecher des Collège des Mediateurs die Bewegung der „sans-papiers“ (Migranten ohne gültige Ausweispapiere) in Frankreich. In den vergangenen Jahren wurde Stéphane Hessel insbesondere durch seine beiden 2010 und 2011 veröffentlichten Schriften „Empört Euch!“ und „Engagiert Euch!“ zu einem wichtigen Wegbereiter und Unterstützer politischer und sozialer Protestbewegungen. Bis zuletzt stand er dadurch in der Weltöffentlichkeit.
Stéphane Hessel erhielt zahlreiche Ehrungen und Preise für sein Lebenswerk. So wurde er u.a. zum „Ambassadeur de France“ ernannt, erhielt den Bilbao-Preis für Menschenrechte der UNESCO, den Adam-Mickiewicz-Preis für Versöhnung und Zusammenarbeit in Europa des Komitees zur Förderung der deutsch-französisch-polnischen Zusammenarbeit e.V. ('Weimarer Dreieck'), den Eugen-Kogon-Preis der Stadt Königstein, den Prix de l'Académie de Berlin und wurde zuletzt mit dem französischen Prix Mychkine ausgezeichnet.
Stéphane Hessel starb in der Nacht zum 27. Februar 2013 in Paris.