Arbeiten im Stollen. Holzschnitt des Überlebenden Dominik Černý, 1952. KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora

"Lebendig begraben": Dora im Herbst 1943

Am 28. August 1943, also nur zehn Tage nach dem Luftangriff auf Peenemünde, trafen am Kohnstein bei Nordhausen die ersten 107 KZ-Häftlinge mit ihren SS-Bewachern ein - damit erhielt das KZ Buchenwald ein neues Außenlager: das "Arbeitslager Dora", wie es bei der SS offiziell hieß. In den nächsten Wochen und Monaten folgten nahezu täglich weitere Häftlingstransporte aus Buchenwald.

Ende September 1943 befanden sich bereits mehr als 3000, Ende Oktober 6800 und Weihnachten 1943 über 10.500 KZ-Häftlinge im Kohnstein. Von einem Lager im eigentlichen Wortsinn konnte indes noch nicht die Rede sein: Da im Herbst 1943 Baracken oder andere feste Unterkünfte für die Häftlinge noch nicht vorhanden waren, wurden sie von der SS in den Stollen des geplanten Mittelwerkes untergebracht. Zu diesem Zweck wurden mit den Kammern 43 bis 46 vier Querkammern des leiterförmigen Stollensystems als "Schlafstollen" mit vierstöckigen Holzpritschen eingerichtet.

Bis auf halbierte Ölfässer, die als Latrinen dienten, gab es keine sanitären Anlagen. Hunger, Durst, die Kälte und nicht zuletzt die Arbeit quälten und töteten die Häftlinge. Der größte Teil von ihnen wurde in den ersten Monaten bei schweren Bau- und Transportarbeiten für den Ausbau der unterirdischen Raketenfabrik eingesetzt. Dieser hatte dabei Vorrang vor der Errichtung des oberirdischen Barackenlagers am Südrand des Kohnsteins. Erst ab Januar 1944, als die Produktion der A4-Rakete im Mittelwerk anlief, wurden die ersten Häftlingsgruppen in das Barackenlager verlegt. Viele waren jedoch noch bis Mai 1944 in den Schlafstollen eingepfercht.

Sehr viele Häftlinge, in der Mehrzahl Russen, Polen und Franzosen, überlebten die schweren Monate des Stollenausbaus nicht. Von Oktober 1943 bis März 1944 starben in Dora fast 2900 Häftlinge. Weitere 3000 Sterbende wurden im Frühjahr 1944 in die Konzentrationslager Lublin-Majdanek und Bergen-Belsen überstellt. Von ihnen hat kaum jemand überlebt. Für die SS, unter deren Leitung die Bauarbeiten vorangetrieben wurden, war der Ausbau des Stollensystems für das Mittelwerk ein Prestigeprojekt. Besonders SS-Gruppenführer Hans Kammler, Chef der Amtsgruppe C im SS-Wirtschafts-Verwaltungshauptamt (WVHA), ging es darum, sich mit Blick auf weitere Bauprojekte auf dem Rüstungssektor zu profilieren.